Frau sagte Meister Till ich muß (Das große Los)

Gedichte | 2011
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Frau, sagte Meister Till, ich muß
Zuletzt noch aus der Stadt; so schlimm stehn unsre Sachen.
Doch rührten wir auch jemals Hand und Fuß,
Dem Glück ein Pförtchen aufzumachen?
Pfui, laß uns nicht so schläfrig sein!
Laß uns noch heut ein Lotterielos kaufen!
Durch dieses Türchen schleicht gewiß das Glück herein
Und bringt uns Gold- und Silberhaufen

Frau Till, ein Weiblein guter Art,
Sprach immer ja zu allen Dingen.
Das Los kommt also an, wird heilig aufbewahrt,
Und das verarmte Pärchen spart
Und borgt, um nach und nach den Einsatz zu erschwingen.
Doch das papierne Pförtchen stand
Ein halben Jahr Fortunen offen,
Und immer noch ließ sie, als wär’s ihr nicht bekannt,
Vergebens ihren Einzug hoffen.


Jetzt krähte schon der muntre Hahn
Den Morgen der Entscheidung an,
Und Till sprang jubelnd aus dem Bette:
He, Weibchen, freue dich mit mir!
Das große Los – was gilt die Wette? –
Bekommt kein Menschenkind als wir.
Ein goldner Traum hat mir’s versprochen,
Und Träume halten mir gemeiniglich ihr Wort,
Bemühe dich nun nicht, für mich Kaffee zu kochen;
Ich will gleich fort, ins Lotteriehaus fort.
Zum letztenmal vielleicht berühren meine Sohlen
Den harten Pflasterweg; denn steht das Glück uns bei,
Alsdann ade, Fußgängerei!


Ich lasse stracks mir eine Sänfte holen
Und mache mich vor Stolz so schwer wie Blei.
Die Sänfte, Kind, sei dir so gut als Brief und Siegel,
Daß uns das große Los gehört.


Erblickst du sie, dann wirf, vor Freude, wie betört,
Flügs Teller, Schüsseln, Töpf‘ und Tiegel
Und Schrank und Tisch und Stuhl und Spiegel,
Wirf, wie man sagt, das ganze Haus
Zum Fenster Schlag auf Schlag hinaus!
Was sollen wir den alten Plunder schonen?
Wir werden bald in goldnen Zimmern wohnen!


Kaum war er fort, als schon sein Weib zum Söhnchen sprach:
Karl, lauf dem Vater schnell ans Lotteriehaus nach
Und laure vor der Tür, bis man vom Saal hernieder
Nach einer Sänfte läuft und ruft;
Dann aber komm im Fluge wieder,
Gleich einem Vogel in der Luft!


Das Knäbchen hatte schier drei Stunden lange Weile
Und hörte noch von dem, was es begierig dort
Erwartete kein stummes Wort;
Doch plötzlich sprang in höchster Eile
Jemand die Trepp‘ herab, und oben rief’s: Fort, fort!
Nur eine Sänfte gleich! Geschwind, um Gottes Willen!
Karl fragte schnell: Für wen, mein lieber Mann?
Der Kenner flog vorbei und fuhr ihn unsanft an:
Für wen denn sonst, als Meister Tillen!


Der Bube floh hinweg, als ritt er gleich Kurier
Auf Doktor Fausts berühmtem Mantel.
Die Mutter harrt auf ihn mit flammender Begier
Und schwärmte, da er stammelnd ihr
Bericht gab, wie verletzt vom Giftstich der Tarantel.
Sie sprang bacchantisch wild, mit aufgelöstem Haar,
Und schleuderte durchs Fenster, was im Zimmer
Wand-, niiet- und nagelfest nicht war.
Mit Brummen überstieg das Sänftenträgerpaar
Die vor dem Haus gehäuften Trümmer.


Man öffnet jetzt das kleine Haus
Und denkt, Herr Till wird flink heraus
Trotz einem jungen Böcklein springen;
Doch welch ein Schreck! Er liegt darin
Bewegungslos und ohne Sinn,
Als sollte man für ihn die Totenmesse singen.
Man spritzt ihm Wasser ins Gesicht,
Man heult und schreit ihm in die Ohren,
Vergebens! Er ermannt sich nicht
Und scheint für diese Welt verloren.


Allein nach kurzem Zeitverlauf
Schlug er, geweckt durch steigendes Getümmel,
Die Augen mählich wieder auf,
Und seine Gattin rief: O tausend Dank dem Himmel!
Ha, Männchen, fuhr sie fort, ward dir von Freude schwül?
Ja, ja, das große Los ist traun kein Pappenstiel!
Doch hätt‘ ich dich darüber in der Blüte
Des Lebens eingebüßt (wofür mich Gott behüte!),
So wär‘ die Lotterie dennoch ein böses Spiel. –


Das ist sie! sprach er matt. Ich fiel
In Ohnmacht über – unsre Niete.



Anhang


Das Dreißigtausendtalerlos
Warf einem reichen Mann Fortuna in den Schoß.
Man munkle, was man will, von dieser Menschenklasse,
Daß sie sich mit Gefühl und Mitleid nicht befasse:
Mich freut’s, daß ich von dem, der jenes Los gewann,
Ein andres Liedchen singen kann.
Er hörte kaum durch fliegende Gerüchte
Tills tragikomische Geschichte,
Da rief er seufzend aus: Der arme, arme Mann!
Nein, ich will mich wahrlich nicht verschulden,
Daß er vor Gram vergeht! – Geschwind, geschwind, Johann,
Lauft hin und bringt ihm – diesen Gulden

Text: Langbein (1794)
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) 1794






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