Erlebnisse von der Hausagitation

Lieder vom Weben und Spinnen | | 2004
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Ein herrlicher Sonntagmorgen war es, als wir Funktionäre, achtzehn an der Zahl, uns in D….. trafen, um für unseren Verband auf Hausagitation zu gehen. Galt es doch dieses mal, die säumigen und gleichgültigen Arbeitsschwestern und Arbeitsbrüder einer Kammgarnspinnerei aufzumuntern und unserer Organisation wieder zuzuführen. Die Einteilung war bald getroffen. Wir gingen zu Zweien, ausgerüstet mit den notwendigen Informationen und einer Anzahl Adressen, mit frischem Mut an die Arbeit.

Unser Weg führte uns zuerst zu einer jungen Arbeiterin, kaum 18 Jahre alt. Sie war nicht wenig erstaunt über unseren frühen Besuch. Wir stellten uns als Vertreter des Deutschen Textilarbeiterverbandes vor, und da es sich um eine Arbeiterin handelte, ergriff ich als erste das Wort. Ich befragte sie, welche Gründe vorliegen, daß sie unserer Organisation den Rücken gekehrt habe. Sichtlich verlegen, aber ehrlich genug zu bekennen, gab sie uns zur Antwort: „Ja, weil die a n d e r e n keine Beiträge mehr für den Verband bezahlt haben, so war es mir schließlich auch einerlei. Bei den schlechten Löhnen kann man sich nichts erübrigen, da fehlt einem jeder Pfennig.“ Auf unsere Entgegnung, ob sie glaubt, allein, ohne Hilfe der Organisation, sich einen besseren Lohn verschaffen zu können, gab sie uns nur zögernd zur Antwort: „Nein, gewiß nicht, aber…“ Jedenfalls gelang es uns nach einigem Hin- und Herreden die Kollegin für unsere Organisation zurückzugewinnen. Sie gab uns das Versprechen, unsere Worte zu beherzigen und nun regelmäßig ihren Beitrag zu entrichten. Zum Schluß versäumte ich nicht, sie auf die besonderen Zusammenkünfte unserer Arbeiterinnengruppe am Orte aufmerksam zu machen. Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedeten wir uns.


Wir gingen weiter und suchten einen jungen Textilarbeiter auf, einen Spinner von Beruf. Auf unser Befragen, warum er von unserer Organisation nichts mehr wissen wollte, gab er uns zur Antwort: „Ach, ich habe anderes zu tun, ich bin im Fußballclub und im Turnverein, und da hat man keine Zeit sich noch um andere Dinge zu kümmern, zumal man vom Verband doch nichts hat.“ Diese Äußerung kam uns gerade recht, um ihm auseinanderzusetzen, daß wir als Arbeiter neben der Sportbewegung nicht die andere, zumindest die viel wichtigere Gewerkschaftsorganisation, vergessen dürfen. Der Sport würde ja, wenn alle Arbeiter eine solche Ansicht, wie unser junger Freund, vertreten wollten, bald zum Fluch der Arbeiterschaft gereichen um man würde sehr bald einsehen müssen, daß, um Sport treiben zu können, vorerst günstige Lohn- und Arbeitsbedingungen notwendig sind. Wir ließen es an weiterer Aufklärung nicht fehlen, und nachdem mein Kollege, ein langjährig organisierter Arbeiter, noch einige drastische Erlebnisse vom Kampf der Arbeiterschaft in der Vorkriegszeit schilderte, hatten wir unseren jungen Kollegen soweit überzeugt, daß er sich bereit erklärte, den Verpflichtungen seiner Berufsorganisation besser nachzukommen. Er vereinbarte mit uns, die rückständigen Beträge ebenfalls nachzuzahlen.


Wir setzten unsere Tour fort. Einer Arbeiterin im Nachbarhaus galt unser Besuch. Wir klopften an die Tür, doch vergeblich. Schon glaubten wir unverrichteter Dinge wieder fort zu müssen, als wir erfuhren, daß Frau H. im Waschhaus sei. Dort trafen wir sie auch an. Mit den Worten „da können wir wohl gleich mithelfen“, begannen wir hier unsere Agitation. Sie musterte uns anfänglich ziemlich kritisch, machte aber schließlich ihrem Herzen Luft und schilderte, daß sie ein nicht besonders leichtes Los habe, da sie für drei Kinder allein sorgen muß. „Na und wenn man die ganze Woche im Betriebe angespannt arbeiten muß, so bleibt einem nur der Sonntag für das Instandhalten der Häuslichkeit.“ So erzählte sie weiter. Wir verhehlten ihr nicht, daß wir dieses bittere Unrecht, die Überlastung der Frau schon lange eingesehen haben und daß unsere Organisation sich in besonderem Maße darum bemüht, diese Unterdrückung der Textilarbeiterin zu beseitigen. Schließlich erfuhren wir auch den Grund, warum sie aus dem Verband ausgetreten ist. Sie sei verärgert gewesen, daß der Betriebsrat mit der Betriebsleitung Abmachungen betreffend längerer Arbeitszeit getroffen habe, ohne die Arbeiterinnen vorher zu befragen. So sehr wir dieses Vorkommnis verurteilten, so versuchten wir nun zu schlichten und die Kollegin zu überzeugen, daß für ein Verfehlen einer einzelnen Person doch nicht die gesamt Organisation verantwortlich gemacht werden könne, sondern daß in diesem Fall ein gemeinsamer Protest der Arbeiterinnen einen Ausgleich geschaffen hätte. Das leuchtete auch ihr ein, und so kam sie unserem Verlangen nach und wurde wieder Mitglied unserer Organisation. Wir verwiesen sie noch an die Stellen, wo sie vertrauensvoll ihre Beschwerden vorbringen kann und verabschiedeten uns, indem wir für ihre Wäsche noch Gut Wetter wünschten.


Unser nächster Besuch galt zwei Geschwistern, einer achtzehnjährigen und einer einundzwanzigjährigen Arbeiterin. Nachdem wir hier unsere Mission begonnen hatten, erfuhren wir, daß die dritte Schwester, die älteste von den dreien, selbst Funktionärin unserer Organisation ist und daß es ihren Bemühungen nicht gelang, die beiden Säumigen zu veranlassen, ihren Verpflichtungen der Organisation gegenüber nachzukommen. Sie war deshalb erfreut über unser Kommen. Wir hatten hier leichtes Spiel, denn beide erklärten sich bereit, die rückständigen Beiträge nachzuzahlen und ihre Verpflichtungen gegenüber der Organisation fernerhin zu erfüllen. Wir unterhielten uns noch über verschiedenes und verabredeten, uns gemeinsam zum nächsten Frauenabend unserer Ortsgruppe wieder zu treffen.


Befriedigt über unseren bisherigen Erfolg gingen wir weiter. Wir hatten für das eine Haus vier Adressen von Arbeiterinnen, die auch im gleichen Betrieb beschäftigt waren. Wir sprachen zunächst bei einer vor und nachdem wir aus ihrem Verhalten herausgefunden hatten, daß wir es hier nicht mit einer, sondern mit einer ganzen Clique zu tun hatten, die sich gegen unsere Organisation verschworen hatte, so fragten wir an, ob es möglich sei, gleich eine gemeinsame Aussprache herbeizuführen, damit alles schneller geklärt werden könne. Die Kollegin lud uns ein in die Stube zu kommen und holte die anderen herzu. Na, da bekamen wir ja allerhand zu hören. An allem Unheil war der Verband schuld. Wir ließen sie erst zum Wort kommen, und dann setzten wir mit unserer Erwiderung ein. Da gab es zunächst sehr vieles richtigzustellen und den Kolleginnen in kurzen Zügen die Rechte und die Pflichten unserer Mitglieder auseinanderzusetzen. – Doch so leicht sollte es uns diesmal nicht werden. Es folgte Rede auf Gegenrede, bis wir auch hier schließlich zu einer Einigung kamen. Zwei waren zuerst bereit, die andern beiden zögerten noch. Noch etwas Mut und Zureden der beiden überzeugten Kolleginnen brachte uns zum Ziel. Sie traten alle vier wieder dem Verband bei, mit dem Versprechen, es sich zur Warnung dienen zu lassen und ihre Rechte nicht so leichtfertig wieder Preis zu geben.


Währenddessen war es Mittag geworden. Wir hatten aber noch eine ganze Anzahl der Säumigen aufzusuchen. Doch angespornt durch unseren bisherigen Erfolg setzten wir unsere Tour fort uns suchten noch alle auf, die uns zugeteilt waren.


Das Ergebnis an diesem Tage war, daß wir sechs Säumige zum Weiterzahlen der Verbandsbeiträge veranlaßt hatten und elf erneut für die Organisation gewonnen hatten. Befriedigt traten wir den Heimweg an. Beide beherrscht von dem Gedanken, bei der nächsten Hausagitation wieder mitzuwirken. – In der Zusammenkunft unserer Arbeiterinnenkommission unterließ ich es nicht, auf die interessanten Erlebnisse beider Hausagitation hinzuweisen und die Kolleginnen anzuspornen, ebenfalls bei solchen Werbetagen mit tätig zu sein. Wird dies von allen organisierten Textilarbeiterinnen beherzigt, dann wird die Organisation ein Machtinstrument für alle Textilarbeiterinnen werden.

Eine Funktionärin unseres Verbandes


in “ Der Textilarbeiter „, Nummer 13, 1.4.1927







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