Ein armer Schiffer stak in Schulden (Der arme Schiffer)

Gedichte | 2011
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Ein armer Schiffer stak in Schulden,
Und klagte dem Philet sein Leid.
»Herr«, sprach er, »leiht mir hundert Gulden;
Allein zu Eurer Sicherheit
Hab ich kein ander Pfand als meine Redlichkeit.
Indessen leiht mir aus Erbarmen
Die hundert Gulden auf ein Jahr.«

Philet, ein Retter in Gefahr,
Ein Vater vieler hundert Armen,
Zählt ihm das Geld mit Freuden dar.
»Hier«, spricht er, »nimm es hin und brauch es ohne Sorgen;
Ich freue mich, daß ich dir dienen kann;
Du bist ein ordentlicher Mann,
Dem muß man ohne Handschrift borgen.«


Ein Jahr, und noch ein Jahr verstreicht;
Kein Schiffer läßt sich wieder sehen.
Wie? Sollt er auch Phileten hintergehen;
Und ein Betrüger sein? Vielleicht.


Doch nein! Hier kömmt der Schiffer gleich.
»Herr!« fängt er an, »erfreuet Euch,
Ich bin aus allen meinen Schulden;
Und seht, hier sind zweihundert Gulden,
Die ich durch Euer Geld gewann.
Ich bitt Euch herzlich, nehmt sie an;
Ihr seid ein gar zu wackrer Mann.«


»O«, spricht Philet, »ich kann mich nicht besinnen,
Daß ich dir jemals Geld geliehn.
Hier ist mein Rechnungsbuch, ich wills zu Rate ziehn;
Allein ich weiß es schon, du stehest nicht darinnen.«


Der Schiffer sieht ihn an, und schweigt betroffen still,
Und kränkt sich, daß Philet das Geld nicht nehmen will.
Er läuft, und kömmt mit voller Hand zurücke.
»Hier«, spricht er, »ist der Rest von meinem ganzen Glücke,
Noch hundert Gulden! Nehmt sie hin,
Und laßt mir nur das Lob, daß ich erkenntlich bin.
Ich bin vergnügt, ich habe keine Schulden;
Dies Glücke dank ich Euch allein;
Und wollt Ihr ja recht gütig sein.
So leiht mir wieder funfzig Gulden.«


»Hier«, spricht Philet, »hier ist dein Geld,
Behalte deinen ganzen Segen:
Ein Mann, der Treu und Glauben hält,
Verdient ihn seiner Treue wegen.
Sei du mein Freund. Das Geld ist dein;
Es sind nicht mehr als hundert Gulden mein,
Die sollen deinen Kindern sein.«


Mensch! mache dich verdient um andrer Wohlergehen;
Denn was ist göttlicher, als wenn du liebreich bist!
Und mit Vergnügen eilst, dem Nächsten beizustehen,
Der, wenn er Großmut sieht, großmütig dankbar ist!

Text: Christian Fürchtegott Gellert (1746)
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1922)

1746






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