Die Zigeunerfrieda (in: Onkel Knolle)

Märchen | Schwarze Pädagogik | | 2009
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„Onkel Knolle“ erschien im letzten Kriegsjahr 1918 in der 2. Auflage im Verlag von H. Mühlberger , Augsburg 1918. Die erste Auflage war 1910 in Donauwörth in Bayern herausgekommen. Geschrieben hat den Text Georg Dennler und die Zeichnung stammen von Pommerhanz. Darin enthalten ist die Geschichte der „Zigeuerfrieda“ , eine finstere Erziehungsgeschichte, die aber womöglich genau das Gegenteil von dem bewirkt hat, was sie bewirken sollte. Neu herausgegeben wurde diese Mär aus dunklen Tagen dankenswerter Weise von dem Kölner Verein Rom e.V., der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, mit Vorurteilen aufzuräumen und über die lange Tradition der Stigmatisierung von Sinti und Roma in Deutschland aufzuklären. Das Vorwort des Bändchens stammt von Günter Wallraff, der das Buch als fünfjähriger in einer verstaubten Bücherkiiste seiner Eltern aufgestöbert hatte. Er schreibt: „Der Führer kam nicht von ungefähr und nicht aus heiterm Himmel: diese Ausgeburt der deutschen Volksseele war über Generationen angelegt udn vorbereitet, auch in scheinbar harmlos-einfältigen Kinderfibeln.

Onkel Knolle seht ihr hier , wie er lebt auf dem Papier
nämlich er hat spät und frühe mit den Kindern große Mühe
ist für sie zu jeder Zeit sich zu opfern gern bereit
selber sollt ihr bald es sehen wie es Knollen oft tat gehen
wie er immer kam dahinter daß die bitterbösen Kinder
nicht so sind, wie er es möchte und er nie es fertig brächte
daß sie alle brav und fein ihre Eltern stets erfreun
Dieses Buch ihr lieben Kinder zeigt euch manchen großen Sünder…

Kurz und gut jetzt bin ich da, nehmt mich auf und mit „Hurra!“
will ich euch im Sturm gewinnen – Eher geh ich nicht von hinnen
habt ihr dann mein Buch gelesen, und wenn es recht schön gewesen
denket dann auch hie und da, seht er ist uns immer nah
Nämlich unser Onkel Knolle, der uns oft erzählen wolle


Die Zigeunerfrieda

Ach ein schlimmer Zug der Zeit
ist die Unverträglichkeit
die nur keift, wenn andere lachen
und sich mal gemütlich machen

Die des Lebens finstere Seite
eifrig sucht mit großer Freude
die mit Willen im Verdruß
findet einen Hochgenuß

Solche Leute sind zu meiden
denn ihr Lebenszweck ist Streiten
und das Ende gant gewiß
führt zu großer Kümmernis

Wünschest du doch hier auf Erden
von der Welt geschätzt zu werden
sei verträglich immerdar
das ist Lebenslust fürwahr

Friedrika Lügenmaul
war verdrießlich, frech und faul
schmutzig auch noch obendrein
so soll doch kein Mädchen sein

Knolle wollt´mit vielen Mühen
Friedriken artig ziehen
wenn sie etwas Böses tat
mahnte er sie früh und spat

doch sie wollt die guten Lehren
nicht befolgen, nicht mal hören
und wenn dann der Onkel ging
lacht ihn aus das dumme Ding

Ihre Ungezogenheit
war bekannt schon weit und breit
auch den Onkel alterieren
ihre Sitten und Manieren

Wenn man außerdem bedenkt
daß sie oft mit Absicht kränkt
jenen, der ihr bester Freund
und es gut mit ihr stets meint

Auf der Straße in den Stuben
balgt die Frida mit den Buben
ausgelassen spät und früh
aber folgsam war sie nie

Wenn man sie zum Kaufmann schickte
oder wenn sie Strümpfe strickte
oder wenn sie sonst was sollte
immer schimpfte sie und grollte

Weil sie immer war verdrießlich
wollten andre Kinder schließlich
nichts mehr von der Frida wissen
deren Kleider stets zerrissen

Einmal war sie ausgegangen
wußte grad nichts anzufangen
Langeweile fühlt sie sehr
lungert in der Stadt umher

Draußen vor dem Tore standen
Wagen von Zigeunerbanden
kaum hat Friede die gesehn
bleibt sie gaffend dorten stehn

Glotzt in jene Fensterscheiben
was die Leut´ im Wagen treiben
das ist jetzt ihr Wissensdurst
alles andere ist ihr Wurst

Ganz begehrlich fallen Blicke
auf die dumme Friederike
seitens der Zigeunerleute
denen sie willkomm´ne Beute

Denn sie rauben sehr geschwind
jedes böse Gassenkind
ohne lange erst zu fragen
stecken sie es in der Wagen

Zwei Zigeuner, schwarz und greulich
packten jetzt die Frieda eilig
Warfen sie, trotz ihrem Schrei´n
in den Wagen schwupps hinein

Und hierauf in wilder Flucht
man sofort das Weite sucht
Frieda heult vor Angst im Wagen
ach umsonst ist jetzt ihr Klagen

Nutzlos ist ihr ängstlich Flehn
denn der Raub ist schon geschehn
auch ihr lauter Jammerruf
leider kein Hilfe schuf

Und es saust in ferne Lande
eilends die Zigeunerbande
höhnisch grinst im Wagen drin
deshalb die Zigeunerin

Auf den Märkten und den Messen
muß jetzt bei den tollsten Späßen
Frieda auf das Seil hinauf
hin und her im schnellen Lauf

Denkt nur Kinder, welche Pein
Frieda muß jahraus jahrein
vor den vielen fremden Leuten
jeden Tag das Seil beschreiten

Muß in bunten Flitterfetzen
unterhalten und ergötzen
Das „verehrte Publikum“
welches steht im Kreis herum

Wenn dann nach des Tages Last
müde hält die Frieda Rast
denkten sie mit betrübtem Sinn
nach der lieben Heimat hin

Sie vergleicht die jetz´gen Plagen
mit den längst vergang´nen Tagen
wo sie froh uns sorglos war
bei dem lieben Elternpaar

Denkt oft an die schönen Stunden
die sie hat daheim gefunden
die die Reue kommt zu spät
schlimm es jetzt der Frieda geht

Schlußwort

Seht ihr nun wohin es kommt
wenn schon gar kein Rat mehr frommt
wenn die Eltern stets mit Bangen
sehn die ungezog´nen Rangen

Balgen Naschen Stehlen Schrein
so was ist doch gar nicht fein
schöner ist es, wenn mit Art
sich ein Kind den Frohsinn wahrt

Der Historiker Kurt Holl weist darauf hin, daß es in diesem Buch besonders um Arbeitsdisziplin und die Eliminierung der Bettler, Vagabunden, Landstreicher, Diebe und Tagediebe geht, „wie es Marx im 24. Kapitel des Kapitals (Bd.I) eindringlich beschrieben hat. Der Durchsetzung der Arbeitsdisziplin mit Peitschen, Galgen und Arbeitshäusern entspricht ein Prozeß der Internalisierung, der die neue Moral zunächst über religiöse Erziehung, später über bürgerliche Pädagogik (Aufklärung) in Hirne, Herzen und Leib einbrennt. Ein gängiger Topos der entstehenden bürgerlichen Kinderbuchliteratur wird die Warnung vor den gefährlichen Zigeunern, die fast schon zur systematischen Gegenwelt bürgerlichen Lebens stilisiert werden, wo Seßhaftigkeit gleichbedeutend mit der Einbindung in den territorialen Nationalstaat ist.

Da es über die Rolle des Zigeunermotivs in der Kinderbuchliteratur noch keine Spezialuntersuchungen gibt, beschränken wir uns hier auf einige Anmerkungen zu dem hier zitierten Kapitel. Die Zigeunerfrieda ist eine von 6 Geschichten aus dem Kinder-buch Onkel Knolle, das im Stile des Struwelpeter die Streiche bzw. Laster böser Buben oder Mädchen erzählt, deren schlim-mes Ende die kleinen Leserinnen zur Bravheit motivieren soll. Das Buch erschien in erster Auflage 1910 in Donauwörth/Bay. und es ist nicht verwunderlich, daß sich der Autor offenbar die erwünschte Bravheit der Kinder am besten als Einordnung in eine vormilitärische Schützentruppe vorstellen kann, die hinter einem Generalissimus im Gleichschritt marschiert. Durch Zitat des Vorworts und des Schlußwortes für die 6 Geschichten wird der Kontext deutlich, in dem Die ‚Zigeunerfrieda, einzuordnen ist. Daß die Kinderbuchliteratur im Wilhelminismus nationalisti-sche bzw. militaristische Züge bekommt, ist bekannt. Es scheint, als ob das Zigeunermotiv in diesem Zusammenhang wieder verstärkt aufgenommen wurde. Nach einer Mitteilung von Prof. Theodor Brüggemann, dem Gründer der Kölner Forschungs-stelle für Kinder- und Jugendbuchliteratur an der Universität Köln, war nämlich noch um 1880 in der Neuauflage eines weit-verbreiteten deutschen Kinderbuchs eine Zigeunergeschichte als diskriminierend entfernt worden. Es handelt sich um das Kinderbuch Alwin und Theodor von Jakobs, zuerst erschienen 1805/7. In der Neuauflage von 1880 bemerkte der Herausgeber: »Zur Weglassung der Erzählung D er Fischerknabe, behandelnd die Entführung eines Knaben durch Zigeuner, wurde ich veranlaßt durch die Erwägung, daß derlei Vorfälle stets zu den Seltenheiten gehört haben und gegenwärtig als gänzlich ausgeschlossen zu betrachten sind, daß aber der Glaube daran im Volke immer noch lebendig ist und durch die schlichte Erzählung des glaubwürdigen Jakobs in schändlicher Weise neue Nahrung erhalten würde.«

Man sieht: Rassismus ist keine naturwüchsige Strömung, sondern ein immer wieder eingesetztes Stimulanz, für dessen Auftreten oder Abbau z.B. Autoren, Verleger, Buchhändler verantwortlich sind. Und es ist kein Zufall, wenn das Motiv 1910 wieder auftritt und auch bis zur letzten Auflage des Onkel Knolle im Jahre 1960 erhalten bleibt: Wie in vielen anderen Bereichen war eben auch hier 1945 kein Kontinuitätsbruch. Der Kinderraub-Vorwurf gehört übrigens zu den ältesten Bestandteilen von Gruppendiskriminierungen: die Römer unterstellten es den Christen, die siegreichen Christen später ihren Häretikern und den Juden. Ist der Verdacht erst in der Welt, genügt oft ein einziger Vorfall, damit sich das Vorurteil als empirisch bestätigtes Urteil über die Gesamtgruppe ausweisen kann.

Die Methode bundesdeutscher Polizeijournalisten, bei Straftaten einzelner die Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder bestimmten nationalen Gruppe zu erwähnen, wird trotz ihrer klaren rassistischen Tendenz von Lokalredaktionen immer noch gedeckt. Die Zeichnungen stammen von Karl Pommerhanz, einem der populärsten Illustratoren des 19. Jahrhunderts. Er hat vor allem in den »Münchner Bilderbogen«, die für wenige Pfennige zu haben waren, mit meist derben Bildern, Phantasie und Urteil zahlloser Kinder geprägt: Der »schwarze Mann« mit dem man den bösen Kindern droht, erhält durch Pommerhanz die Gestalt der Zigeuner; ob freilich dieser pädagogisch wertvolle Popanz seine Funktion erfüllt, kann man gerade angesichts der Bilder Nachwort bezweifeln: entführt aus den elterlicher Gewaltverhältnissen in die Ferne, um dann Star in der Manege zu werden, das strahlt noch weit mehr aus, als den Reiz des Verbotenen.

Der Verein Rom e.V. dankt Günter Wallraff, daß er uns auf das Kinderbuch aufmerksam machte und es zur Verfügung stellte.

Kurt Holl







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