Im Deutschen Viertel in New York 1959

Auswandererlieder | Volkslied-Forschung | | 2011
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Die 86. Straße ist ein deutscher Alptraum. Kaiser Barbarossa, der Bart durch den Tisch gewachsen, die alten Germanen auf der Bärenhaut, das Hörn des Mets geschwungen, der Trompeter von Säckingen, eine odulierte Lorelei und kein Kompliment für Heine, Bismarck im Küraß und Bismarck mit dem Schlapphut, fast ein Paulskirchenmann, doch der über´s Meer geflohenen Achtundvierziger wurde nicht gedacht, und Hindenburg in Felduniform, rückensteif, und Hindenburg mit dem Zylinder, nackengebogen, die Stars der Fußballiga aus Kaiserslautern, Dortmund oder Hamburg und in vielen kleinen Stammkundenkinos die „Rosen aus Tirol“, das „Heimatheimwehlied“ und der immerblühende Flieder der echten falschen Gefühle – so bot sich die Straße.

Wurst aus Göttingen, holsteinischer Katenrauch, kleine vollgestopfte Läden meiner Jugendzeit, noch ganz kaiserliche, königliche Kleinstadt, und die Gastwirtschaften hießen „Heidelberger Faß“ und „Grinzing“ und „In einem kühlen Grunde“. Unter Liedertafelkränzen, Schützenscheiben, Turnerfahnen gab es an altdeutschen Kaiser-Wilhelm-Tischen Sauerbraten und Thüringer Klöße zu essen.

Ich war im deutschen Viertel, in der sechsundachtzigsten Straße von New York, in einer seltsamen Welt mit mittelhohen Häusern aus den Gründerjahren Stettins oder Chemnitz´, feindlich eingeklemmt zwischen italienische, spanische, tschecheslowakische, puertoricanische Siedlungen, verbittert, übelnehmend und, wie es schien, nicht mit Amerika fertig geworden.

Man bewahrte deutsche Enge, deutsche Kleinstädterei, eine trutzige nationale Muffigkeit. Im Schmelztiegel der Völker, in der frohen, freien Weltstadt New York bot sich ein Extrem nicht aus deutscher Eigenart, sondern aus deutscher Weltverschlossenheit und provinzieller Verquertheit. Verstaubte Ritterhumpen, aufbewahrte Zöpfe. Die Mädchen trugen Dreimäderlhausfrisuren, sie waren jung und waren von gestern, sie waren New Yorkerinnen und waren hausbacken.

Die deutsche Literatur, die deutsche Kunst, unsere Gegenwart, unser Leben, die deutschen geistigen Bemühungen, selbst der deutsche Kulturattache in Washington existierten für die Bewohner der deutschen Straße in New York nicht. Deutschland war ein Heimatfilm, es war ein deutsches Kitschmuseum, ein deutsches Kommersbuch und ein deutscher Fußball. Die sechsundchtzigste Straße von New York war ein deutscher Alptraum.

Woifgang Koeppen, 1959







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