Der Syndikus

Lieder vom Weben und Spinnen | | 2004
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Gegen früher, welche Wandlung !
Früher bei der Lohnverhandlung
waren es Prolet und Krauter,
die, mal leise, manchmal lauter
manchmal grob, manchmal in zarten
Flüstertönen offenbarten
ihre unverblümte Meinung¸,
schließlich kam es dann zur Einung
Auch zum Streiken, je nachdem
es dem Gegner unbequem.-

Heute – welch ein Hochgenuß! –
schmeißt den Kram der Syndikus
auf der Unternehmerseite
mancher sagt, dies sei ´ne Pleite
allen Unternehmergeistes;
denn der Syndikus – so heißt es –
sei zu dumm, zu unerfahren,
er verkenne die Gefahren,
die dem Krautertum erblühen,
wenn das Einigungsbemühen
vor des Landes hohem Schlichter,
der bestellt als weiser Richter
elend in die Brüche geht
und daraus ein Streik entsteht,
was dem Wirtschaftsleben schädlich
und schon deshalb wenig rätlich.


Das ist Lug. Im Gegenteil
dient der Syndikus dem Heil
unserer Wirtschaft. Lob und Preis
ihm, dem Syndikus! Er weiß
einfach alles. Und die Schlüsse
seiner Weisheit sind die Schüsse,
die den Gegner niederlegen,
ihn zum mindesten bewegen,
seine Ohnmacht zu begreifen
und betrüblich auszukneifen.
Ja, so´n schneid´ger Syndikus
ist fürwahr ein Hochgenuß!


Seht, wie er Gedanken schmälzt,
wie er kühne Gründe wälzt
wie in kurzen Intervallen
seines Geistes Blitze knallen
voller Kraft und Leidenschaft
nichts als ernste Wissenschaft
ungelernt zwar, nicht erfahren –
dazu ist zu jung an Jahren
so ein forscher Syndikus –
ist sein kühner Redefluß.


Unsere Wirtschaft liegt in Ketten
schwerster Not, und sie zu retten
ist es nötig, daß die Löhne
möglichst niedrig, notabene
kann das Manko in dem Lohne
durch entsprechend lange Frone
ausgeglichen werden. Dann wird
alles gut. Der böse Bann wird
von der Wirtschaft dann genommen
und der Reichtum kommt geschwommen


Arbeitszeitverlängerung,
dazu Lohnverengerung
sind das Mittel, sind das Wesen
woran endlich wir genesen.
Aus ist´s dann mit jedem Dalles;
Deutschland, Deutschland über alles
klingt´s dann wieder an dem Rheine,
an der Weser, Ruhr und Leine
von der Elbe bis zum Belt
diese schöne Hymne gellt.
Alles andere sei nur Stuß,
also sagt der Syndikus.


Und er schwänzelt und er tänzelt
um den Schlichter und scharwenzelt.
Und der Schlichter spürt ein Rühren –
Wahlverwandtschaft! – Ohne Zieren
fügt er sich – er sagt, man müsse! –
solcher Weisheit Kettenschlüsse.
Und schon ist der Spruch gefällt
nach dem Antrag, den gestellt
unser braver Syndikus.
Händeschütteln. Sitzungsschluß.


Dies nennt man heut´ Lohnverhandlung
fragt sich nur, ob solche Wandlung
dem Proletentum gefällt.
Leute hört es, auf der Welt
wirkt entscheidend nur die Macht
Darum ist es angebracht
wenn ihr alle Kraft entfaltet,
die Gewerkschaft so gestaltet,
daß sie stark und mächtig ist.
Dann wird sie mit jeder List
ihrer Gegner fertig werden.
Merkt es euch: auf dieser Erden
wird das Recht dem, der die Macht hat;
nur wer es zu Kraft gebracht hat,
der verschafft sich Recht im Land –
darum stärket den Verband !


Text: Taefs 
in: “ Der Textilarbeiter „, Nr.24 Juni 1928, S.34

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