Der Peter will nicht länger bleiben (Peter in der Fremde)

Gedichte | 1811
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Der Peter will nicht länger bleiben,
Er will durchaus fort in die Welt.
Dies Wagestück zu hintertreiben,
Der Mutter immer schwerer fällt.
„Was willst du,“ spricht sie, „draußen machen?
Du kennst ja fremde Menschen nicht;
Dir nimmt vielleicht all deine Sachen
Der erste beste Bösewicht.“

Der Peter lacht nur ihrer Sorgen,
Wenn er die Mutter weinen sieht,
Und wiederholt an jedem Morgen
Sein längst gesung’nes Reiselied.
Er meint: „Die Fremde macht nur Leute,
Nicht in der Nähe wohnt das Glück;
Drum such‘ ich’s gleich recht in der Weite,
Doch kehr‘ ich mit der Zeit zurück.“

Zu Hilfe ruft man alle Basen,
Und jede gibt dazu ihr Wort:
Doch Peter lässt mit sich nicht spaßen,
Der Tollkopf will nun einmal fort.
Da sprach die Mutter voll von Kummer:
„So sieh doch nur den Vater an,
Der reiste nie und ist nicht dummer
Als mancher weitgereister Mann.“

Der Peter lässt sich nicht bewegen,
So dass zuletzt der Vater spricht:
„Nun gut, ich wünsche Glück und Segen!
Fort sollst du, doch nun säume nicht!“
Nun geht es an ein Einballieren,
Vom Fuß hinauf bis an den Kopf;
Man wickelt, dass auch nichts kann frieren
Das dickste Band um seinen Zopf.

Jetzt endlich ist der Tag gekommen,
Gleich nach dem Essen geht er heut‘;
Voraus ist Abschied schon genommen,
Und alles schwimmt in Traurigkeit.
Die Eltern das Geleit ihm geben
Bis auf das nächste Dorf hinaus,
Und weil dort ist ein Wirtshaus eben,
Hält man noch einen Abschiedsschmaus.

Ein Fläschlein Wein wird vorgenommen,
Und still wird Peter, mäuschenstill;
Man trinkt auf glücklich Wiederkommen,
Und Peter seufzt: „Wie Gott es will!“
Er muss die Augen öfters reiben,
Nimmt Abschied noch einmal recht schön
Und sagt: „Man soll nur sitzen bleiben,
Denn weiter lass er keinen geh‘n.

Und endlich wankt er fort, der Peter,
Obgleich es ihn beinahe reut;
Nach hundert Schritten aber steht er
Und denkt: „Wie ist die Welt doch weit!“
Das Wetter will ihn auch nicht freuen,
Es weht der Wind so rauh und kalt:
Er glaubt, es könne heut‘ noch schneien,
Und schneit’s nicht heut‘, so schneit‘s doch bald.

Jetzt schaut er bang zurück; jetzt geht er
Und sinnt, wie weit er heut noch reist;
Jetzt kommt ein Kreuzweg. Ach, da steht er
und niemand der zurecht ihn weist
„Ach,“ seufzt er, „so was zu erleben
Gedacht‘ ich nicht, dass Gott erbarm‘!
Hätt‘ ich der Mutter nachgegeben
So säß ich jetzt noch weich und warm.

Wie konnt‘ ich so ein Glück verscherzen?
Ich war doch wirklich toll und dumm!
Wie würde mich die Mutter herzen
Kehrt‘ ich an diesem Kreuzweg um!“
Und rasch beschließt er sich zu drehen,
Wie wenn man was vergessen hat,
Und rennt, ich hätt‘ es mögen sehen,
Zurück zur lieben Vaterstadt.

Die Eltern saßen unterdessen
Im Wirtshaus noch in guter Ruh‘,
Bekämpften ihren Gram mit Essen
Und tranken tief gerührt dazu.
Der Peter ließ sie gern beim Schmause,
Ihn reizte nur der Heimat Glück;
Drum läuft er sporenstreichs nach Hause
Auf einem Seitenweg zurück.

Und froh, dass in der Näh‘ und Ferne
Sein Fuß sich nicht verirret hat,
Gelangt er vor dem Abendsterne
Inkognito noch in die Stadt;
Doch ist er kaum erst heimgekommen,
So schallt Gelächter durch das Haus;
Das hätt‘ er übel fast genommen,
Allein, er macht sich nichts daraus.

Man scherzt: „Du mußt mit Meilenschuhen
Gewandert sein; drum setz‘ dich nun
Auch hinter’n Ofen, um zu ruhen
Und dir ein wenig gut zu tun.“
Er tut’s. – Bald traten auch die Alten
Zur Stubentür betrübt herein;
Die Mutter seufzt mit Händefalten:
„Wo mag wohl jetzt mein Peter sein?“

Da kriecht der Peter vor und schmunzelt:
„Was weint ihr denn? – Hier bin ich ja!“
Die Mutter jauchzt, der Vater runzelt
Die Stirn und spricht: „Schon wieder da?!
Nun, wie Ich’s dachte, ist’s gescheh‘n;
Ich hab’s dir gleich schon abgespürt,
Und an den Augen dir gesehen,
Wie weit die Reise gehen wird.“

Die Mutter jubelt, durchdrungen
Von frommem Dank: „‘s ist besser so!
Nun hab‘ ich wieder meinen Jungen
Gesund daheim! Dess‘ bin ich froh!“ –
Doch Peter sagte ganz beklommen:
„Hätt‘ ich nur nicht geglaubt, es schneit,
Und wär‘ der Kreuzweg nicht gekommen,
So wär‘ ich jetzt, wer weiß, wie weit.“

Text: August Gottlob Eberhard (nach Grübel ) , 1811
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885)

1811







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