Das war der Oberhofmarschall (Pumpe piept nicht)

Gedichte | 2012
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Das war der Oberhofmarschall
Mit seiner Diener Troß und Schwall,
Der fegt heut‘ in des Königs Haus
Geschäftig alle Winkel aus,
Dieweil des Königs Töchterlein
Wird nächstens einen Prinzen frei’n:
»Nur Flur und Treppe, Bank und Tisch,
Mit Haderlump und Flederwisch,
Ihr Knecht und Mägde, immer frisch!
Daß nirgendwo ein Stäubchen klebt,
Auch nirgend eine Spinne webt.
Kein Fenster klappert, keine Thür
Im ganzen fürstlichen Revier,
Und daß, so ihr das Leben liebt,
Mir nirgend eine Pumpe piept —
Nirgend, nirgend, nirgend, nirgend,
Nirgend eine Pumpe piept!«

»Horch, diese hier — potz Blitz noch mal
Die pfeift ja wirklich zum Skandal!
Und steht auch just — o Scham und Schmach,
Just vor des Königs Schlafgemach?!
Und jeden Morgen Punkt Schlag vier
Füllt der Lakai den Eimer hier,
Und wie der Brunnen Wasser gibt,
Das ächzt und stöhnt, das kreischt und piept,
Wie eine Katze, die verliebt?!
O toller Frevel, unerhört!
So wird des Königs Schlaf gestört?!
Der Morgenschlaf — o heil’ger Christ,
Der just der allerbeste ist?!
Schnell Oel und Seift, Talg und Schmeer —
Gottlob, nun piept sie schon nicht mehr:
Freude, Freude, Freude, Freude,
Unsre Pumpe piept nicht mehr!«


Allein, allein am Morgen drauf,
Herr Gott, wie steht der König auf!
Er, sonst so mild gesinnt und gut,
Schnaubt wie ein Tiger heut‘ vor Wuth;
Umsonst wird ihm der Tisch gedeckt,
Kein Trüffelhahn, kein Ungar schmeckt.
Das ist ein Keifen, ein Gebrumm!
Er knurrt und murrt, flucht laut und stumm,
Und weiß doch selber nicht warum —
Und geht zu Bett und liegt und wacht
Und brummt die liebe lange Nacht:
Bis daß es endlich Viere schlägt
Und der Lakai das Wasser trägt —
Ja plötzlich wird’s hell um ihn her:
»Verdammt! die Pumpe piept nicht mehr!
Ja die Pumpe, ja die Pumpe,
Meine Pumpe piept nicht mehr!«


So geht’s der Tage drei, auch vier,
Des Königs Auge leuchtet stier;
Schon auf der Zung‘ schwebt ihm das Wort,
Dann scheucht der Groll es wieder fort.
Bald steht die Staatsmaschine still,
Weil er von nichts mehr hören will;
Prinzessin Tochter ringt die Hand,
Der Eidam steht bleich wie die Wand,
Es weint und klagt das ganze Land —:
Bis mit des fünften Morgens Licht
Der Fürst sein Schweigen endlich bricht
Und murrt und knurrt: »Hm — Neuerung —
Das kommt davon — noch viel zu jung —
Kein Schlaf mehr Nachts — geht Alles quer —
Die Pumpe, hm — piept auch nicht mehr —
Meine Pumpe, meine Pumpe,
Meine Pumpe piept nicht mehr!«


Und alsogleich beim ersten Wort,
Der Hofmarschall wie närrisch fort,
Der ganze Hofstaat hinterdrein,
schon wird der Schloßhof fast zu klein,
Mit Kratzen, Bürsten aller Art,
Der braucht den Finger, der den Bart,
Und wischt und wetzt uud scharrt und nagt
Und dreht und biegt und zerrt und plagt
Am Pumpenschwengel unverzagt:
Nun wird es sein, nun kommt es schon —
Umsonst! kein Laut, kein kleinster Ton!
Die Pumpe geht so leis, so sacht.
Wie Elfentritt in Maiennacht,
Wie Mondesstrahl auf glattem Meer —
Umsonst! die Pumpe piept nicht mehr,
Jammer, Jammer, Jammer, Jammer,
Unsre Pumpe piept nicht mehr!


Und weil der König sichtbarlich
Mit jedem Tag verschlimmert sich,
So faßt zuletzt im höchsten Schmerz
Das Ministerium sich ein Herz
Und schickt mit kräftigem Entschluß
Zum Oberhofmechanicus:
»O Oberhofmechanicus,
Sieh unsre Noth, sieh unser Weh,
Und hilf, o hilf citissime!
Der Hofmarschall nahm zu viel Schmeer,
Die Pumpe, horch, sie piept nicht mehr.
Der König welkt dem Grabe zu,
Die einz’ge Hoffnung noch bist du,
Bedenk‘, wer Lohn und Brot dir gibt,
Und mache, daß die Pumpe piept,
Unsre Pumpe, unsre Pumpe,
Daß die Pumpe wieder piept!«


Der Oberhofmechanicus,
Das war ein Erzpoliticus,
Der sah als ein erfahrner Mann
Den Schaden sich erst gründlich an
Und sprach darauf: »Ihr Herr’n, mit Gunst,
Da ist verloren alle Kunst!
Und ob es um mein Leben wär‘,
Die Pumpe da, auf Wort und Ehr‘,
Die piept auf Erden niemals mehr!
Drum rath‘ ich, setzen wir als Knauf
Ein eignes Piepwerk oben drauf,
Das ächzt und stöhnt, das kreischt und pfeift,
Sobald den Schwengel man ergreift;
Der König ist mal drin verliebt —
Drum hurtig, daß die Pumpe piept,
Hurtig, hurtig, hurtig, hurtig,
Daß die Pumpe wieder piept!«


Gesagt, gethan! Mit goldnem Knauf
Flugs kommt ein Piepwerk oben drauf,
Das pfeift so sanft, das pfeift so lind,
Kann zetern wie ein Wiegenkind,
Kann knarren, kreischen, puhsten, mau’n,
Kein Kater thut es besser traun!
Früh Morgens, wenn es Viere schlägt,
Und der Lakai das Wasser trägt,
Der König horcht, von Lust bewegt —
Und dreht sich um, schläft wieder ein,
Schläft schnarchend in den Tag hinein,
Ißt, trinkt, regiert in guter Ruh‘,
Beglückt sein Land, sich selbst dazu,
Ist allgepriesen und geliebt —
Und Alles, weil die Pumpe piept,
Unsre Pumpe, unsre Pumpe,
Vivat, unsre Pumpe piept!!

Text: Robert Ernst Prutz (1841) „Von der Pumpe, die nicht mehr hat piepen wollen“
in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) 1841






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