Beim Graben einer Grube sah (Die zwei Totenköpfe)

Gedichte | 2012
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Beim Graben einer Grube sah
Ein Totenkopf den anderen liegen
Und rief: »Wer bist du, der so nah
Sich darf zu meiner Gruft verfügen?«

»Ich war«, sprach der, »ein Ruderknecht,
Aß schwarzes Brot, trank aus den Flüssen,
Schlief auf der Erde, lebte schlecht,
An Schuhn und Kleidern abgerissen:
Bis der erwünschte Tod mich fand,
Den ich oft inniglich begehret,
Der hat mich aus dem Joch gespannt,
Und mir die Freiheit nun gewähret.«


»Gemeiner Kerl! Hinweg von mir!«
Schrie ihm der andere Kopf entgegen;
»Nichtswürdiger, was willst du hier?
Dein Zuspruch ist mir ungelegen.
Entweich und lass mich stracks in Ruh.
Ich bin ein andrer Mann als du.
Ich bin mit Königen verwandt,
Und nicht aus Pöbelblut entsprossen.
Ich trage Stern und Ordensband,
Ich fahr‘ in prächtigen Karossen,
Ich streue Tonnen Goldes aus,
Ich habe fünf bis sechs Mätressen
Und halte jeder Hof und Haus.
Im Keller hab‘ ich Tonnen Wein
Aus Ungarn, Welschland und vom Rhein,
Auf meiner Tafel sechzehn Essen«


»Ich bin! ich hab! Ach armer Mann,
Ich war, ich hatte musst du sagen«,
Hub hier des Sklaven Schädel an,
»Du hast ja nichts mit hergetragen.
Ich seh‘ nicht Stern, nicht Ordensband
Für deinen königlichen Stand;
Ich seh‘ nicht deine sechzehn Essen,
Noch deine fünf bis sechs Mätressen;
Ich seh‘ nicht deine Tonnen Wein
Aus Ungarn, Welschland und vom Rhein,
Ich seh‘ nicht deine Tonnen Gold,
Noch deine prächtigen Karossen.
Was du besessen und genossen,
Blieb alles auf der Oberwelt.
Dort oben war ein Unterschied,
Hier sind wir gleicher Herrlichkeit,
Hier gleicht dein Schädel jedem Schädel.
Schön sieht wie hässlich, arm wie reich,
Dumm sieht wie klug aus, schlecht wie edel.
Der Tod macht Hack und Zepter gleich.«

Text: anonym ? keine Angaben dazu in Als der Großvater die Großmutter nahm (1885)

1800
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