Vorhandene Volkslieder-Sammlungen (1926, Arthur Hübner)

Volksliedbücher | | 2007
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(aus: Der Heimatforscher, iV. Band, Hrsg: Walther Schoenichen, Breslau 1926)

DIE TEXTE

Man sammelt bei uns in Deutschland Volkslieder seit etwa anderthalb Jahrhunderten; aber die Sammler sind von sehr verschiedenen Gesichtspunkten ausgegangen, und deshalb tragen die Sammlungen einen sehr verschiedenen Charakter. Wenn man ihre Reihe im großen überblickt, so ist von unserem Standpunkt aus von besonderem Interesse, wie sich ihr Rahmen allmählich verändert und verengert hat. Herder, an dessen Namen sich bekanntlich bei uns die Entdeckung des Volksliedes knüpft, der anscheinend auch die Bezeichnung ,,Volkslied“ prägte, nimmt das Wort „Volk“ noch in einem sehr besonderen Sinn und versteht darunter, ohne unbedingte Beschränkung auf bestimmte soziale Schichten, die reine, unvermischte, unverbildete Volkspersönlichkeit einer Nation.

Seine Sammlung (Unter dem Titel „Volkslieder“ in zwei Teilen 1778 und 1779 erschienen; den bekannteren Titel „Stimmen der Völker in Liedern“ trägt die Sammlung erst in der neuen, nicht mehr von Herder redigierten Fassung in den „Sämtlichen Werken“.), international und nur etwa zu einem Viertel aus deutschen Liedern bestehend, kann deshalb auch reine Kunstdichtungen aufnehmen, von Simon Dach bis zu Goethe und Matthias Claudius. Die Romantiker gewinnen die Beschränkung auf das eigene Volk und finden das Herz und die Andacht gerade für seine unscheinbarsten und einfältigsten Kreise, und darum kommt ihre große Sammlung, „Des Knaben Wunderhorn“ von Arnim und Brentano (Erstmalig 1806—08 in drei Teilen erschienen.), unserer Vorstellung vom Volksliede sehr viel näher. Ja vielleicht darf man sagen, das Wunderhorn bestimmt die Vorstellung, die wir gemeinhin vom deutschen Volksliede haben. Aber demgegenüber muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß das Wunderhorn ein Kunstwerk und kein Quellwerk ist.

Von den mehr als 1300 Liedern, die es enthält, ist nur etwa ein halbes Hundert unverändert geblieben. Alles andere ist mehr oder minder geglättet und verbessert, gutenteils gründlich umgearbeitet, sogar ganz selbständige Dichtungen der Herausgeber werden untergeschoben, so daß man mit Fug sagen darf: an das deutsche Volkslied, wie es wirklich ist, kommt man mit Hilfe des Wunderhorns nicht heran. Eher genügt solchem Wunsch der dreibändige „Deutsche Liederhort“ von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme (1893—94), das Werk, zu dem der Forscher immer zuerst greifen muß, wenn es gilt, den Spuren eines Volksliedes nachzugehen. Es ist das ein Werk, in dem wissenschaftlicher Ehrgeiz steckt; schade nur, daß dem Herausgeber Böhme das rechte wissenschaftliche Gewissen fehlte. Die letzte selbstlose Treue dem Überlieferten gegenüber vermißt man auch hier; aber hier ist ein Vorwurf, was bei den Herausgebern des Wunderhorns, die ein lesbares Haus- und Volksbuch schaffen wollten, keinen Tadel bedingt.

Was diesen Grundwerken deutscher Volksliedsammlung, denen sich noch das eine oder andere Buch ehrenvoll beigesellen ließe (Vor allem sei hingewiesen auf Ludwig Uhlands Sammlung „Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder“ (2 Bände, 1844/45), obgleich dies Werk dadurch eine Sonderstellung einnimmt, daß es ausschließlich auf altes deutsches Liedergut aus ist, wesentlich dem 15. bis 17. Jahrhundert zugehörig. Aber auch Uhland hat, um die poetische Wirkung der Lieder zu heben, leichte Eingriffe in die Textfassung seiner handschriftlichen und gedruckten Quellen nicht gescheut. Die wundervolle Sammlung ist höchsten Ruhmes wert; nur darf man nicht glauben, daß sie einen zuverlässigen Eindruck davon gäbe, was und wie das Landvolk jener Jahrhunderte wirklich gesungen hat.), gemeinsam ist, das ist der Blick ins Weite und ins Vergangene. Es ist das Volkslied in seiner ganzen Breite, das Volkslied als Gattung, das Volkslied im Gegensatz zum Kunstlied, was den Sammler interessiert, mag er diesen Gegensatz als Ästhetiker, als Künstler oder als Gelehrter sehen. Weniger entwickelt ist die Betrachtung, die das Lied als Besitz und Äußerung eines bestimmten Volksteils und einer bestimmten Volksart sehen möchte, die es also als Exponenten eines besonderen Volkslebens nimmt und dadurch von selbst zu landschaftlicher Begrenzung geführt wird. Und der Blick ins Vergangene will besagen, daß bei den älteren Sammlern, bewußt oder unbewußt, der Gedanke im Hintergrunde steht: Weil oder soweit das Volkslied alt ist, ist es echt und schön. Schon für Herder gehörte zum Wesen des Volksliedes ein gewisses Alter, das Wunderhorn hat nicht umsonst den Untertitel: Alte deutsche Lieder, und Böhme beginnt den Liederhort mit lateinischen Gesängen der althochdeutschen Zeit. Es ist also nur ein Erbe, wenn auch jüngere Volksliedfreunde dazu neigen, ohne weiteres die Gleichung alt und schön zu vollziehen.

Nach beiden Richtungen hin wahrt das großartigste und modernste Unternehmen, das in Deutschland zur Sammlung von Volksliedern ins Leben gerufen worden ist, den Zusammenhang mit der Vergangenheit, es ist das von John Meier begründete und ausgebaute Deutsche Volksliedarchiv in Freiburg im Breisgau. Dies Archiv wird getragen von einer privaten Organisation, dem Verbande deutscher Vereine für Volkskunde, und einer staatlichen Stelle, der 1913 gegründeten Preußischen Volksliedkommission. Seine Aufgabe ist es, an deutschen Volksliedern, alten und neuen, zu sammeln, was irgend zu gewinnen ist. Seine Zuträger sind für das lebende Volkslied provinzielle Volksliedausschüsse, die ihr Material in der Hauptsache von den volkskundlichen Vereinen des jeweiligen Landesteiles erhalten. Leider bedeckt die Organisation, die sich noch während des Krieges erfreulich gestärkt hat, noch nicht das ganze Deutschland mit der nötigen Dichte und Lückenlosigkeit; besonders das niederdeutsche Gebiet steht noch einigermaßen im Hintertreffen. Was das deutsche Volkslied der Vergangenheit anlangt, so wird ganz systematisch die ältere Literatur durchgearbeitet und ausgeschrieben; man fahndet nach handschriftlichen Aufzeichnungen und Liederbüchern, wie sie sich in Menge in Privatbesitz und Vereinsarchiven finden lassen; man verarbeitet auch große geschlossene Sammlungen, wie sie ältere Volksliedforscher zusammengebracht haben, vor allem den riesenhaften Volksliedernachlaß von Ludwig Erk, der rund 19 000 Stücke umfaßt. Alles in allem sind es über 114 000 Lieder, die das Archiv bis heute aufgehäuft hat, darunter über 15 000 gedruckte Stücke. Aber mit dem bloßen Sammeln ist noch wenig getan. Um diese Materialmassen übersehbar und für wissenschaftliche Arbeit nutzbar zu machen, müssen sie nach mancherlei Gesichtspunkten registriert und katalogisiert werden. Und so sind denn Kataloge angelegt, die die einzelnen Stücke nach Liedanfängen, nach Strophenanfängen, auch nach landschaftlichen Zusammenhängen verbuchen. Leider ist es erst ein Bruchteil der ganzen Liederfülle, der für sämtliche Kataloge bearbeitet ist; und deshalb sind diese Volksliedermassen vorläufig zum Teil noch totes Gut. Aber auch, wenn man mit der Katalogisierung weiter voran sein wird, — das bleibt ja ein Übelstand solcher archivarischen Aufhäufung wissenschaftlicher Schätze, daß ihre erschöpfende Benutzung und Verwertung immer nur wenigen möglich ist. Bis jetzt hat eigentlich nur der Leiter des Archivs, John Meier, volle wissenschaftliche Ernten auf Grund dieser Sammlungen halten können. Doch mehrt sich neuerdings die Zahl der Untersuchungen, die mit den Beständen des Archivs arbeiten.

So münden denn die aufs Breite angelegten Sammlungen des 19. Jahrhunderts in einem Unternehmen größten Stils, das Vollständigkeit des Materials wenigstens anstrebt, und auch das erscheint als ganz sinngemäß und folgerecht, wenn diese Volksliedersammlung, ihre Organisation und ihr Archiv, eine gelehrte Spitze hat und wissenschaftliche Absichten verfolgt. Zwar sollen die beiden Volksliedkommissionen, auf denen die Organisation ruht, statutengemäß auch der Pflege und Erhaltung des Volksliedes dienen, haben nach dieser Richtung hin auch schon Erfreuliches geleistet  (Der Verband deutscher Vereine für Volkskunde hat vor einem guten Jahrzehnt unter dem Titel „Alte und neue Lieder mit Bildern und Weisen“ im Insel-Verlag zu Leipzig vier sehr geschmackvolle kleine Liederhefte erscheinen lassen, die, um vier weitere Bändchen vermehrt, vor kurzem eine zweite Ausgabe erfahren haben. Neuerdings aber hat sich der Verband zu einer anderen Publikationsform der Volkslieder entschlossen. Das landschaftliche Prinzip, für die praktische Pflege der Volkskultur allein fruchtbar, hat sich inzwischen auch hier durchgesetzt. Eine große Zahl von landschaftlichen Liederheften ist in Angriff genommen, von denen bis jetzt erschienen sind: Schlesische Volkslieder, hg. von Th. Siebs und M. Schneider, Breslau 1924; Badische Volkslieder, hg. vom Deutschen Volksliedarchiv, Heimatforscher. Bd. IV. 2) aber dazu bedurfte es natürlich nicht einer so weitgreifenden, überzeitlichen und überlandschaftlichen Sammlung. Es liegt auf der Hand, daß damit eine Entwicklung an ihrem Ende angelangt ist, die das Volkslied als solches im Wechsel verschiedener Betrachtungsweise zeigt; und es ist nur natürlich, daß die letzte dieser Betrachtungsweisen die kühl wissenschaftliche ist, die von einem Affekt Verhältnis zum Liede oder zum Volke nicht mehr viel spüren läßt, ja die bei ihrem Forschen das Lied ganz vom Volke loszureißen vermag.

Daneben gibt es Sammlungen, die auf landschaftlichem Grunde ruhen. Sie setzen schon in der Romantik ein; aber es ist unverkennbar, daß erst in unserer Generation ihre eigentliche Zeit gekommen ist. Seit den neunziger Jahren wächst die Zahl der provinziellen Volksliederausgaben ständig, namentlich auf süddeutschem Boden. Das erklärt sich natürlich aus dem Erstarken eines bewußten Heimatsinnes und der wachsenden Freude an landschaftlicher und stammheitlicher Sonderart, und es ist auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus sehr zu begrüßen, weil davon ein Gegengewicht zu erhoffen steht gegen gewisse Einseitigkeit abstrakter, vom Boden gelöster Volksliedforschung. Zwar sind auch manche modernen Ausgaben dieser Art noch nicht frei von jener romantischen Voreingenommenheit, die beim echten Volkslied nur Ursprünglichkeit, Schönheit und Tiefe zu finden erwartet und sich deshalb für die Veröffentlichung mit einer Auswahl aus dem gesammelten Gut begnügt; aber es steigert sich doch sehe erfreulich das Gefühl dafür, daß eine von rechtem Heimatsinn geschaffene Volksliederausgabe keine ästhetische Mustersammlung sein soll oder eine Gloriole um das Haupt des Volkes, sondern ein Dokument seiner geistigen und seelischen Art; und im ganzen ist die Zeit vorbei für Vorreden, in denen versichert wird, der Sammler habe „nur solche Stücke aufgenommen, die an sich poetischen Wert haben oder doch eine Volkseigentümlichkeit charakteristisch ausdrücken und schon längere Zeit vom Volke gesungen worden sind“. (Ernst Meier, Schwäbische Volkslieder mit ausgewählten Melodien, Berlin 1855, S. VI.) Als ob nicht auch poetisch minderwertige oder nach anderer Richtung hin unzulängliche oder anstößige Lieder Volkseigentümlichkeiten sehr charakteristisch auszudrücken vermöchten.

Es hat sich heute, nicht zuletzt unter dem Einfluß des vorbildlichen Werkes von Carl Köhler und John Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar (Halle 1896), ein ziemlich fester Typus für landschaftliche Liedersammlungen herausgebildet. Er beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe der Texte, sondern fügt die Melodien bei, er bringt bei einem mehrfach aufgezeichneten Volkslied nicht nur eine, d.h. die ,,beste“ Fassung, sondern bucht auch Varianten; er bietet Anmerkungen, die nicht nur über Ort und nähere Umstände der Aufzeichnung genaue Auskunft geben, sondern auch in Gestalt von Literaturangaben über das weitere Vorkommen des betreffenden Liedes, gegebenenfalls auch über seinen Ursprung unterrichten. Das wichtigste aber ist, daß er als Volkslied mehr und mehr anerkennt, was das Volk eben wirklich singt, vor allem nicht mehr die sogenannten volkstümlichen Lieder beiseite schiebt, d. h. jene Lieder, denen auf den ersten Blick anzusehen ist, daß sie nicht im Volke entsprungen sind. Eine Spur der alten Befangenheit glaubt man freilich auch bei diesen modernen Sammlungen meist noch feststellen zu müssen. Wenigstens begegnet man vorläufig erst vereinzelt einem Sammler, der den Mut hat, ein Lied wie „Siehst du wol, da kimmt er“ in seine Ausgabe aufzunehmen; und es gehört hinein, wenn es im übrigen die Kennzeichen des Volksliedes zeigt.

Das wesentlich Neue an diesen modernen Werken (Als Beispiele seien genannt: Elizabeth Marriage, Volkslieder aus der badischen Pfalz, Halle 1902; Georg Heeger und Wilh. Wüst, Volkslieder aus der Rheinpfalz, 2 Bände, Kaiserslautern 1909; Othmar Meisinger, Volkslieder aus dem badischen Oberlande, Heidelberg 1913; Aug. Lämmle, Schwäbische Volkskunde. 2. Buch: Die Volkslieder in Schwaben, Stuttgart 1924.) gegenüber den umfassenden älteren Sammlungen besteht also darin, daß sie auf einer im engeren Sinne volkskundlichen Einstellung beruhen. Mit einer bloßen landschaftlichen Begrenzung des einzuheimsenden Liedergutes ist es natürlich nicht getan; fruchtbar im Sinne der Heimatkunde wird diese neue Einstellung erst, wenn sich mit ihr eine Betrachtungsweise verbindet, die das Lied ganz bewußt als einen Künder und Deuter heimatlicher Art und heimatlichen Lebens zu sehen versucht, als e i n e n neben vielen anderen. Daher mehren sich denn in jüngerer Zeit landschaftliche Darstellungen des Volksliedes, die sich eingliedern in den Rahmen einer weitgespannten Landes-oder Landschaftskunde; namentlich die heute fast wie die Pilze aus dem Boden schießenden knapper gefaßten „Volkskunden“ bestimmter Gebiete weisen regelmäßig auch dem Volksliede seinen besonderen Abschnitt zu. Aber die etwas hilflose Art, die gerade sie dem Volksliede gegenüber manchmal an den Tag legen, läßt erkennen, daß die rechte heimatkundliche Betrachtungsweise des Volksliedes erst noch gewonnen werden soll. Es bleibt bei ihnen oft genug noch fühlbar, daß die Sicht des Heimatforschers eingeschränkt ist auf Blickrichtungen, wie sie andere und ältere Formen der Volksliedbetrachtung genommen hatten.

Wer es also heute unternimmt, Lieder der Heimat zu sammeln, findet mancherlei Vorbereitung und Wegweisung. Wo noch keine größere landschaftliche Volksliedersammlung vorliegt, werden in der Regel die lokalen volks- oder heimatkundlichen Vereine darüber Auskunft geben können, ob ein Werk solcher Art im Entstehen ist: mancherorts findet heute der Sammler Gelegenheit, sich einer im Zuge befindlichen Volksliederaufnahme einzureihen. Aber er hat darüber hinaus die Freude, auf einem Boden zu arbeiten, dem er noch eigene neue Frucht abgewinnen kann.

DIE WEISEN

Alle Volksliedsammlung und -betrachtung bleibt auf halbem Wege stecken, wenn sie nicht zu den Texten die Melodien fügt. Das Lied ist nur ein halbes ohne seine Melodie; man tut ihm im Grunde unrecht, wenn man, etwa zum Zwecke ästhetischer Betrachtung, den Text isoliert. Für das singende Volk bedeutet die Weise oft mehr als die Worte. Sie trägt oft den Text und kann bestimmend werden für seine formale und inhaltliche Entwicklung. Diese feste Bindung von Wort und Weise ist eine Tatsache, die man theoretisch immer anerkannt hat; schon Herder bekennt in der Vorrede seiner Volkslieder; „Das Wesen des Liedes ist Gesang.“ Trotzdem blieb die Beschäftigung mit dem Volkslied, wie man bei der literarischen Einstellung Herders und seiner Nachfahren auf diesem Felde unschwer begreift, jahrzehntelang wesentlich auf das Lied als poetisches Gebilde beschränkt. Wenigstens verzichteten die umfassenden und einflußreichen Sammlungen zunächst durchweg auf die Beigabe von Melodien; nur in lokal begrenzten, das echteste Volkslied suchenden Ausgaben wagte sich alsbald auch die Weise hervor. Die erste ganz große provinziale Sammlung, die auch den Melodien ihr volles Recht werden läßt, brachte in den vierziger Jahren Schlesien hervor (Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter, Schlesische Volkslieder mit Melodien, Leipzig 1842.); aber erst seit den neunziger Jahren ist es, wenigstens für anspruchsvollere Werke zur Regel geworden, daß sie Texte und Melodien vereinen und dem einen dieselbe wissenschaftliche Sorgfalt widmen wie dem ändern. Von den umfassenden Sammlungen ist es erst der „Deutsche Liederhort“ (s. S. 15), der auf die Melodien vollen Nachdruck legt; dies Werk ist geradezu hervorgewachsen aus dem musikalischen Interesse seines Begründers E r k. Es ist auch heute noch ein unentbehrliches Hilfsmittel, wenn man den Melodien zumal älterer Volkslieder nachgehen will, obgleich sein Vollender Böhme auch den Weisen gegenüber die letzte Treue vermissen läßt. Neben den wissenschaftlich gerichteten Werken häufen sich in den letzten Jahrzehnten Volksliedausgaben, die volkstümliche Liedweisen in mehrstimmigem Satz erneuern; daß sie als Quellen des Volksgesanges nur mit größter Vorsicht benutzt werden können, braucht kaum bemerkt zu werden.

Auch auf diesem Gebiete ist in jüngster Zeit ein zentrales Institut geschaffen worden, das für die Volksliedmelodien Ähnliches leisten soll wie das Freiburger Archiv für die Texte. Es ist das Musikarchiv der deutschen Volkslieder, das von der Preußischen Volksliedkommission und dem Verband deutscher Vereine für Volkskunde geplant und nach Vorschlägen des Musikhistorikers Max Friedländer im Jahre 1917 zu Berlin von Hans Mersmann eingerichtet worden ist. Hier werden also alte und junge Volksliedmelodien archivarisch aufgespeichert, die zum Teil aus Druckwerken gewonnen werden, zum Teil auf dem Wege über Freiburg dem Institut zufließen. Das gedruckte Material ist ziemlich aufgearbeitet, und es sind heute schon rund 20000 Melodien, die hier für wissenschaftliche Bearbeitung bereitgestellt sind. Nach einem ebenso einfachen wie geistreichen System werden die Weisen katalogisiert, und zwar, da sie nicht minder flüssig sind als die Texte, nicht nur nach Liedanfängen, sondern auch nach geschlossenen Teilen der Melodie, nach Kehrreimen, nach selbständigen Vor- und Nachsätzen. Neben diesem Melodienregister, das durch eine vielverzweigte Verweistechnik auf jeder Karte schon ein gut Stück Forscherarbeit leistet, ist ein Text-, Schlagwort-, Autorenkatalog und ein Katalog der Aufnahmequellen geschaffen, so daß hier ein großartiges wissenschaftliches Handwerkszeug zugerüstet ist, ohne das niemand mehr arbeiten kann, der eine Volksliedmelodie untersuchen will (Genaueres über die Einrichtung dieses Archives bei Mersmann, Grundl. 4, 145 ff.).

Aber noch fehlt viel daran, daß das lebende Melodiengut in solcher Vollständigkeit oder wenigstens Umfänglichkeit gesammelt wäre, wie sie die musikalische Volksliedforschung für ihre weitgesteckten Ziele braucht. Und deshalb sind immer neue Aufnahmen der Melodie auch bei den geläufigsten Volksliedern von größtem Wert. Pflegt doch jede neue Aufzeichnung, gerade wie bei den Texten, eine neue Variante zu sein.







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