Die Lieder der Heimat – Einleitung (1926, Arthur Hübner)

Volksliedbücher | | 2007
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(aus: Der Heimatforscher, iV. Band, Hrsg: Walther Schoenichen, Breslau 1926)

Wer sich heute ernsthaft mit den Liedern des Volkes abgeben will, findet sich durch das viele, was die letzten Jahrzehnte an grundlegenden Erörterungen zu diesem Thema gebracht haben, fast eher gehemmt und beirrt als gefördert. Die Definitionen des Begriffes „Volkslied“ sind kaum noch zu zählen, und sie gehen weit auseinander. Sie grenzen ebenso den Begriff „Volk“ verschieden ab, wie sie verschieden urteilen über die Frage, wieviel vom Liedbesitz des jeweiligen „Volkes“ die Bezeichnung Volkslied verdient; sie werten den Ursprung dieses Liedes ebenso verschieden wie seine Qualitäten.

Der Heimatforscher kann im Grunde ohne jede Definition auskommen; denn seine Teilnahme soll selbstverständlich allem gelten, was die Heimat an Liedern kennt. Aber gerade damit er sich vor Einseitigkeiten hüte, muß ihm deutlich sein, wie ein solches Auseinander der Meinungen möglich ist. Da spielen zunächst tatsächliche Unterschiede im landschaftlichen Charakter und in der Ausbreitung des Volksgesanges ihre Rolle: wer in einem österreichischen Alpenlande zu Hause ist, kann zu einer anderen Vorstellung von seinem Wesen gelangen, als ein Angehöriger eines verschlossenen niederdeutschen Stammes oder gar ein Kind der Großstadt. Aber das letztlich Entscheidende sind subjektive Momente: eine bestimmte gefühlsmäßige Einstellung zum Volk, seinen Fähigkeiten und Leistungen trägt bei jedem, der das Wesen des Volksliedes zu ergründen versuchte, die eigentliche Verantwortung und haftet für gewisse Formulierungen. So war es bei Herder, der bei uns in Deutschland das Volkslied als Jungbrunnen für eine versteinerte Kunstdichtung entdeckte, bei dem Aufklärer Nicolai, der solche Auffassungen lächerlich zu machen versuchte, so war es bei den Romantikern und so ist es bis heute geblieben.

Jacob Grimm sah das wesentliche Merkmal aller Volkspoesie darin, daß sie nicht von einzelnen und namhaften Dichtern hervorgegangen, vielmehr unter dem Volk selbst, im Munde des Volkes entsprossen sei. Also nicht ein einzelner, sondern die Gesamtheit, der Volksgeist selber dichtet die Volksgesänge: sie sollen sich „sozusagen von selber an- und fortgesungen haben“. Und für den neugierigen Frager, der diesen Vorgang gedeutet wissen wollte, hatte er die Antwort: „Über die Art, wie das zugegangen, liegt der Schleier des Geheimnisses gedeckt, an das man Glauben haben soll.“ (Jac. Grimm, Über den altdeutschen Meistergesang, Göttingen 1811, Vorrede.)

Dieser romantische Traum von dem dichtenden Volk ist verflogen; niemand bezweifelt heute mehr, daß auch beim Volkslied der Dichter als ein einzelner nicht ausgeschaltet werden darf. Noch nicht verflogen aber ist die empfindungsmäßige Einstellung zum Volke, ist jener Glaube, aus dem die Romantik, rousseauisch bestimmt, den Mut zu solchen Gedanken schöpfte: das Volk in seiner Einfalt und Unschuld ist das Herz der Nation; in ihm offenbart sich nicht nur ihre Artung reiner als in den Schichten höherer Bildung, sondern in ihm steckt auch die größere produktive Kraft; ihm ist, als ein gütiges Geschenk seines Genius, von Natur eigen, was höheren Schichten ihre Kultur nicht geben, sondern nur nehmen kann. Von dieser Grundanschauung ist es nur ein Schritt bis zu jener schwärmerischen Auffassung, die dieses Volk begabt mit Anlagen und Kräften, die es befähigen, improvisatorisch, keiner Regel und Schule folgend, Dichtungen zu schaffen, die nicht nur ihren eigentümlichen Wert haben, sondern unter Umständen, als durchaus gleichgeordnete Größen, der Kunstdichtung als ästhetisches Muster vorgerückt werden können.

Wer solchen Meinungen zuneigt, ist begreiflicherweise beengt, wenn er daran geht, Begriff und Gebiet des Volksliedes abzugrenzen. Er nimmt als ,,Volk“ nicht die unteren sozialen Schichten der Nation schlechthin, sondern schränkt den Begriff ein auf die naturnahen Kreise der Landbevölkerung; je weiter geistiger Bildung und städtischer Kultur entrückt, um so echter und unverdorbener scheint sich ihm das Volk darzustellen. Und er nimmt als Volkslied nicht den ganzen Liedbesitz dieses seines „Volkes“, sondern nur das, was davon echt und unverdorben, d. h. eben diesem Volke in einem seiner Angehörigen entsprungen ist. Und da denn selbst bei liebevoller Betrachtung durchaus nicht alles, was vom Volke gedichtet ist oder scheint, als wertvoll oder gar mustergültig gelten kann, so siebt er noch einmal und erkennt als echte Volkslieder nur solche an, die neben bestimmten stilistischen Zügen die Merkmale der Naivität, Ursprünglichkeit, Kindlichkeit, kurzum des Unbewußt-Poetischen tragen. (Es ist vor allem der verdiente Begründer des Wiener Volksgesangvereins Josef Pommer, der dieser Auffassung des Volksliedes in unserer Generation den Weg bereitet hat; er hat sie in einer von ihm begründeten Zeitschrift und einer Reihe von Flugschriften vertreten – s. das Literaturverzeichnis).

Es liegt auf der Hand, daß eine solche Begriffsbestimmung nur erwachsen kann auf dem Boden einer romantischen Vorstellung vom Volk. Das beste an ihr ist die Liebe; das wissen ihre Verfechter wohl auch selbst; denn sonst könnten sie nicht gelegentlich dem nüchternen Verstand das Richteramt in Dingen des Volksliedes streitig machen wollen. „Richter ist nur das warme Herz, der naive Sinn des mit seinem Volke innig vertrauten Mannes! Wer das Volk nicht kennt und liebt, kann auch das Volkslied nicht erkennen und schätzen nach Gebühr!“ (Pommers Zs. Bd. l, S. 12.)

Aber auch wenn sich der Enthusiasmus für das Volk und seine Dichtung in bescheideneren Grenzen hält und hielt, als sie ein solcher romantischer Ausspruch verrät, — es ist unverkennbar, daß derartige Stimmungen die Volksliedbetrachtung und die Volksliedersammlung des ganzen 19. Jahrhunderts und auch der folgenden Jahrzehnte noch stärker oder schwächer beeinflußt haben, namentlich wo sich Laien ihrer annahmen. (Wie schwer auch heutige Forscher noch an diesem Erbe tragen, beleuchtet eine Äußerung Gustav Jungbauers(s. u. S.32 Anm.), der einmal bemerkt, „daß es irrig ist zu glauben, im Volke fänden sich nur echte Dichter; in Wirklichkeit findet man hier wie unter den Kunstdichtern nicht selten Individuen, die zu der verbreiteten Gattung der Dichterlinge gehören“. Volksd. a. d. Böhmerw. S. XVIII. 10)

Wer als Forscher Heimatkunde treiben will, kommt mit einer so gewählten Auffassung des Volkes und seiner Dichtung nicht voran; er muß sich freihalten von solchen Voreingenommenheiten und Idealisierungen, wie sie die Erörterungen über das Volkslied, auch die wissenschaftlichen, heute noch weithin durchtränken. Denn Heimat ist nicht nur das möglichst weltentrückte Dorf, sondern auch die Stadt; und auch die Stadt hat Lieder, sogar Fabrikarbeiterinnen der Großstadt singen noch. Freilich, was sie singen, entspricht oft nicht der weichen, verträumten Vorstellung, die sich uns gemeinhin mit dem Worte Volkslied verbindet. Sowohl nach Inhalt, wie nach Form und Herkunft ist es vielfach anderer Art, als es die romantische Definition des Volksliedes gestattet. Aber auch in dem entlegensten Dorf stößt man heute auf Lieder, die sich ohne weiteres als nicht volksentsprossen, als Eindringlinge aus der Stadt erkennen lassen. Es ist ein großes Unrecht, das die Volkskunde begangen hat, und ein falsches und blindes Vornehmtun, von dem sie auch heute noch nicht freizusprechen ist, wenn sie das Volk der Stadt nicht anders als entartet und verdorben zu sehen vermag und vor allem, was dort zu Hause ist oder von dort seinen Weg aufs Land genommen hat, am liebsten die Augen schlösse. Ihrer erklärten Aufgabe, das Volk zu erkunden, wird sie auf diese Weise jedenfalls schlecht gerecht; dazu gehört vor allem, daß man das Volk gelten läßt, wo man es findet und wie man es findet, daß man also auch die Lieder, die das Volk singt, nimmt, wo man sie findet und wie man sie findet, ohne Beschönigung, Auswahl und Abstriche, ohne sich von schiefen Definitionen des Begriffes Volkslied den Blick trüben zu lassen.

Die Heimatkunde hat in diesen Dingen geradezu eine Aufgabe: dadurch, daß sie den Blick des Forschers beschränkt, rein geographisch genommen, kann sie ihn vertiefen. Es ist unverkennbar, daß im gegenwärtigen Betrieb der Volkskunde eine Richtung die Vorhand hat, die gegenüber dem Stoff seinen Träger und Gestalter zu kurz kommen läßt. Stoff geschichtliche, Stoff vergleichende Untersuchungen beherrschen auf dem Gebiete der Volksüberlieferungen, welcher Art sie seien, heute die Szene, Untersuchungen, die in der Regel das Blickfeld nicht weit genug nehmen können. Der festere und engere Rahmen dagegen, in den der Forscher als Heimatforscher gestellt ist, erleichtert nicht nur, sondern fordert fast eine Betrachtung, die dem Blick eine andere Zielrichtung gibt, eine Richtung statt auf die allgemeinen Wesenszüge und Lebensbedingungen eines Zweiges des geistigen Volksbesitzes vielmehr auf sein Besonderes, Auszeichnendes, das eben nur aus dem Kreise der Heimat und aus dem Menschen der Heimat deutbar wird. Es ist also mehr als ein bloßer Unterschied des Horizontes, was den wissenschaftlichen Betrieb der Volkskunde und den der Heimatkunde sondert oder sondern soll. Um so nötiger, daß sich der Heimatforscher nicht die Hände binden läßt durch Definitionen und Formulierungen, wie sie eine anders eingestellte Betrachtungsweise sich geschaffen hat.

Aber man darf nicht übersehen, daß für eine unbefangene Würdigung dessen, was das Volk besitzt, gerade in der Beschränkung auf die Heimat eine Hemmung liegt, die nicht leicht zu überwinden ist. Denn der Begriff Heimat hat für uns einen Affektgehalt wie nicht viele andere, und er gibt von diesem Gehalt ab an alles, was zur Heimat gehört, also auch an ihr Lied. So steht denn notwendig der Heimatforscher dem Liede des Volkes mit einer seelischen Einstellung gegenüber, die nicht viel anders ist, als die eines Romantikers, die zwar aus anderen Quellen entspringt, aber zu ähnlichen Irrtümern führen kann. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die erstaunlichen Fehlurteile, die man bis auf den heutigen Tag immer wieder über das Volkslied, zumal über seine ästhetischen Eigenschaften hört, letztlich darauf zurückzuführen sind, daß bei dem Urteilenden nicht der Kopf, sondern das Herz spricht, daß er Affektwerte und objektive Werte verwechselt. Generationenlang hat auch die wissenschaftliche Betrachtung des Volksliedes an dieser Verwechslung gelitten. Wenn man so den Heimatforscher hinweisen muß auf das Affektverhältnis, das ihn wie mit dem Liede so mit allen anderen Gegenständen seiner Forschung verbindet und das sein Urteil zu trüben geeignet ist, so bedeutet das natürlich keine Verdächtigung dieses Affektverhältnisses. Im Gegenteil, man kann sich solchen Heimatsinn gar nicht stark und entschieden genug entwickelt denken, auch bei dem Forscher nicht. Aber wenn er die Wahrheit erkennen will, muß er sich bewußt halten, daß gerade auf dem Felde der Heimatforschung die Gefahr, Urteile verschiedener Schichtung zu vermengen, nicht gering ist; denn starke Affektwerte können sich natürlich mit sehr schwachen objektiven Werten verbinden.

Das Volkslied erfreut sich heute ja einer Aufmerksamkeit, wie es sie kaum je gefunden hat. Aber diese Teilnahme ist nicht immer die unvoreingenommene des Forschers, dem es nur darauf ankommt festzustellen, was an dichterischen Äußerungen im Volke vorhanden ist, welcher Art, welchen Ursprungs, welcher Lebensbedingungen es ist. Sondern es ist weithin eine Teilnahme, die in irgendeiner Form zweckbestimmt ist: Man greift zum Volksliede, weil man sich bestätigt fühlen will in seinem Glauben an das Volk, weil man einen Anhalt finden will für seine Liebe zum Volk, weil man nach Mitteln sucht, um das Leben des Volkes aus seinen Quellen zu stärken oder zu heilen, nach Mitteln, um Volks- und Stammesbewußtsein zu schützen und zu fördern, nach Mitteln, um untergehendem oder irgendwie bedrohtem Volkstum konkrete Haltepunkte zu geben, weil man nach Wegen forscht, auf denen überfeinerte oder verbildete Kultur zurücklenken könnte zu Quellen der Erneuerung und Verjüngung.

Niemand wird solchen Formen von Volksliedbetrachtung ihr Recht bestreiten, und mancher mag ihr einen Vorsprung vor der nüchtern-sachlichen des Forschers zusprechen. Aber man muß sich völlig klar darüber sein, daß sich eine solche zweckbestimmte Betrachtung nach doppelter Richtung hin durchaus unterscheidet von der Einstellung, die der Forscher zu gewinnen suchen muß. Erstens geht sie mit einer gewissen Willkür an den Stoff heran, sie scheidet aus dem lebenden Volkslied aus, was notwendig ihren Zweck gefährden müßte, und greift mit Vorliebe zu dem sog. ,,alten“ Volkslied, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wieweit und in welchem Sinne dies alte Volkslied als Lied des Volkes gelten kann. Und zweitens: sie nimmt Wertungen vorweg, die für wissenschaftliche Betrachtung erst der Prüfung bedürfen. Es bedeutet heute vielleicht noch eine Zumutung an den Heimatfreund, wenn man von ihm verlangt, daß er jeder romantisch-vorbestimmten Betrachtung des Volksliedes entsagen solle; aber er muß sich dieser Forderung bequemen, sofern er aus dem Heimatfreund zum Heimatforscher werden will. Die Heimatforschung hat, gerade wo sie den geistigen Besitz der Heimat zum Gegenstand ihrer Beobachtung macht, als höchstes Ziel die Erkundung heimatlicher Volksart; Heimatforschung ist ein Stück Volkskunde im eigentlichsten Sinn. Die große und tief bedeutsame Wissenschaft der Volkskunde muß aber notwendig auf Irrwege geraten, die sehr gefährlich werden können, wenn ihre Jünger nicht die volle Unbefangenheit des Blicks und des Urteils gewinnen.

(aus: Der Heimatforscher, iV. Band, Hrsg: Walther Schoenichen, Breslau 1926)

 

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