Als der Wächter auf dem Turme saß

Liebeslieder | | 2006
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Als der Wächter auf dem Turme saß
rief er mit heller Stimme:
Steht auf, steht auf, ihr jungen Leut!
Wo eins oder zwei beisammen leit,
Der Tag fängt an zu leuchten, zu leuchten.

Das Mädchen wohl aus dem Bette sprang,
Den Tag wollt sie beschauen
„Sei still, sei still, mein junger Knab!
Es sind noch zwei drei Stund bis Tag:
Der Wächter hat uns betrogen, betrogen.“

„Ei, wenn uns der Wächter betrogen hat
Komm her und leg dich nieder!
Komm leg dich in mein‘ Arm hinein
übers Jahr sollst du mein eigen sein
Mein eigen sollst du werden auf Erden!“

„Dein eigen werd ich nimmermehr
Das kannst du sicherlich glauben
Wenn du’s beschwörst mit deiner Treu
Daß dir kein andre lieber sei
So will ich dir’s schon glauben, ja glauben?“

Des Morgens als der Tag anbrach
Ging sie wohl Wasser holen
Da begegnet ihr derselbig Knab
Der die Nacht bei ihr geschlafen hat
Er bot ihr einen guten Morgen, verborgen

„Guten Morgen, du herztausender Schatz,
Wie hast du hint geschlafen?“
„Ich hab geschlafen in deinem Arm
Und hab verschlafen, daß Gott erbarm‘
Mein Ehr‘ hab ich verschlafen, verschlafen.“

„Dein Ehr, dein Ehr die verschläfst du nicht,
Laß dich das nicht gereuen.
Ich bin fürwahr ein reicher Knab
der auch viel Geld und Güter hat
dein Ehr‘ will ich bezahlen mit Thaler!“

„Mein Ehr‘, mein Ehr‘, die bezahlst du mir nicht,
Du bist ein lustger Schelme
Wenn Feuer und Stroh beisammen leit
Und wenn auch Schnee dazwischen schneit,
tut es doch endlich brennen, ja brennen“

um 1880 –

 

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