Als der Großvater die Großmutter nahm (Auflage 1922)

Volksliedbücher | | 2009
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Kurt Tucholsky

Schlager sind Lieder, bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind. Solche Lieder zum sonntäglichen Gebrauch des deutschen Bürgertums aus den Jahren 1740 bis 1840 hat Gustav Wustmann, der Schöpfer des ausgezeichneten Werkes ›Allerhand Sprachdummheiten‹, veranstaltet, und ihre Neuausgabe liegt jetzt vor. (›Als der Großvater die Großmutter nahm‹, im Insel-Verlag.)

Da sind sie alle noch einmal, jene heute schon ganz oder halb verschollenen Lieder, deren letzte leise Klänge wir noch aus dem Munde unsrer Großeltern haben herüberwehen hören: ›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹ und ›Fordere niemand, mein Schicksal zu hören‹ und ›Fern im Süd das schöne Spanien‹ und ›Es kann ja nicht alles so bleiben hier unter dem wechselnden Mond‹ und viele andre. Kulturgeschichten lügen. Lieder lügen nicht. Sondern sie enthüllen objektiv und klar die Seelenverfassung der Geschlechter, die sie gesungen haben, und das ist interessant genug. Eine reiche Literatur lag zum Aufblättern vor diesem Bürgertum – heraus nahm es sich, was seinem Geisteszustand am meisten zusagte: das Süße und das Empfindsame und das Zerklüftet-Romantische (man denke an die alten Öldrucke, die noch in manchen schweizer Hotels zu hängen pflegen) – das Edle und das Leis-Neckische.

Es ist fesselnd, zu beobachten, was mit so einem Lied geschieht, wenn es in aller Munde ist, wie es eine ganz andre Klangwirkung bekommt, als die war, die dem Dichter vorgeschwebt hat; viele Zeilen erstarren und werden zu einem einzigen Begriff (bei ›Drunten im Unterland, da ists halt fein‹ denkt sich zum Schluß niemand mehr etwas, sondern das wird nur noch um des Rhythmus willen gesungen); manche Gedichte werden zu Kinderliedern; manche erhalten einen komischen Beigeschmack. Auch Lieder werden geboren, leben, haben ein Schicksal und sterben. Es ist übrigens an diesen Liedern auf das deutlichste zu sehen, wie Worte nicht den Gehalt zwischen den Zeilen aufbewahren können, nicht jenes Unnennbare, das dem Lied erst seine Farbe gibt. Sing einem ganz alten Mann das ›Maurische Ständchen‹ vor – er wird die Assoziationen: Werbung, Gefallsucht, Abweisung, das Parfum eines Haares haben, du aber hältst die graue Mathematik in Händen und wunderst dich über den alten Mann …  Ihr werdet hübsche Dinge in dem Bändchen finden. Mein Lieblingsgedicht ist darin – das ›Herbstlied‹ von Salis-Sewis:

Braun sind schon die Felder
Gelb die Stoppelfelder,
Und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
Graue Nebel wallen,
Kühler weht der Wind.

Mit dem reichen Schlußvers:

Geige tönt und Flöte
Bei der Abendröte
Und bei Mondenglanz;
Schöne Winzerinnen
Winken und beginnen
Deutschen Ringeltanz.

Das kann sich neben Gedichten von Claudius sehen lassen.
Und dann ist noch etwas sehr Merkwürdiges aus diesem Buche zu lernen. In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts sang Julius Freund das schöne Lied vom letzten Taler und lobte die alte Zeit: »Da war noch Sittsamkeit, Bescheidenheit … « Womit er also etwa die Gründerjahre gemeint haben mochte … Aber in den Jahren um 1870 pries man sicherlich auch die gute alte Zeit – und in dieser – zwei Generationen vorher, also um 1810 – sang Langbein:

Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da wußte man nichts von Mamsell und Madam;
Die züchtige Jungfrau, das häusliche Weib,
Sie waren echt deutsch noch an Seel und Leib.
Als der Großvater die Großmutter nahm,
Da herrschte noch sittig verschleierte Scham …

Aber als er sie wirklich nahm – im Jahre 1747 –, da sang Hagedorn:

Zu meiner Zeit
Bestand noch Recht und Billigkeit.
Da wurden auch aus Kindern Leute,
Da wurden auch aus Jungfern Bräute,
Doch alles mit Bescheidenheit …

Und zu ›seiner Zeit‹ schalt wohl Abraham a Santa Clara über die ›Erzschelmereien‹ der neuen Läufte.
Es ist ein Volk des ewigen Gestern, dieses deutsche. Gestern, gestern, nur nicht heute … Die Geschichtsbücher bewahren nur das Gute, Edle und Schöne auf – der Alltag versinkt. Und der gelockt gekräuselte Sonntag, überliefert und sorgfältig für die Tradition gepflegt, behält sein Recht. Ja, damals –!
Als ob nicht jedes Damals relativ genau so hart, so laut und so erbarmungslos gewesen wäre wie jedes Heute, als ob nicht immer die Cäsaren, die Fugger, die Cagliostros und die Devisenhändler oben gelegen hätten! Aber objektive Geschichtsbetrachtung scheint nur möglich zu sein, wenn man an den Epochen gänzlich unbeteiligt ist – und nur der Schwächling verliert sich in der gefühlvollen Rückbetrachtung.
Heute wie damals. Wie wäre sonst der Fridericus-Wahnsinn zu erklären, der über die Geistesgestörten dieses Landes dahinbraust! Die gute alte Zeit –! Hagedorn aber nannte die von den heutigen Drahtziehern gepriesene Epoche: »O schlimme Zeit!«, und so bestätigt sich auch hier wieder, dass es die Invaliden des Lebens sind, die den Leierkasten der Erinnerung auf dem Buckel schleppen und ewig auf ihm werkeln.

Ein schwaches Volk ist stets ein König Lear!
Die Jugend ist um ihretwillen hier;
Es wäre töricht zu verlangen:
Komm, ältle du mit mir.

Peter Panter
Die Weltbühne, 01.06.1922, Nr. 22, S. 554.

1922

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