Allerleirauh

Märchen | 2005
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Es war einmal ein König, der hatte eine Frau mit goldenen Haaren, und sie war so schön, daß sich ihres Gleichen nicht mehr auf Erden fand. Es geschah, daß sie krank lag, und als sie fühlte, daß sie bald sterben würde, rief sie den König und sprach, »wenn du nach meinem Tod dich wieder vermählen willst, so nimm keine, die nicht eben so schön ist, als ich bin, und die nicht solche goldene Haare hat, wie ich habe; das mußt du mir versprechen«. Nachdem es ihr der König versprochen hatte, that sie die Augen zu und starb.

Der König war lange Zeit nicht zu trösten und dachte nicht daran, eine
zweite Frau zu nehmen. Endlich sprachen seine Räthe »es geht nicht anders, der
König muß sich wieder vermählen, damit wir eine Königin haben«. Nun wurden
Boten weit und breit umhergeschickt, eine Braut zu suchen, die an Schönheit der
verstorbenen Königin ganz gleich käme. Es war aber in der ganzen Welt keine zu
finden, und wenn man sie auch gefunden hätte, so war doch keine da, die solche
goldene Haare gehabt hätte. Also kamen die Boten unverrichteter Sache wieder
heim.

Nun hatte der König eine Tochter, die war gerade so schön, wie ihre
verstorbene Mutter, und hatte auch solche goldene Haare. Als sie herangewachsen
war, sah sie der König einmal an, und sah, daß sie in allem seiner
verstorbenen Gemahlin ähnlich war und fühlte plötzlich eine heftige Liebe zu
ihr. Da sprach er zu seinen Räthen »ich will meine Tochter heirathen, denn sie
ist das Ebenbild meiner verstorbenen Frau, und sonst kann ich doch keine Braut
finden, die ihr gleicht«. Als die Räthe das hörten, erschraken sie und
sprachen »Gott hat verboten, daß der Vater seine Tochter heirathe, aus der Sünde
kann nichts Gutes entspringen, und das Reich wird mit ins Verderben gezogen«.
Die Tochter erschrak nicht weniger, als sie den Entschluß ihres Vaters vernahm,
hoffte aber ihn von seinem Vorhaben noch abzubringen. Da sagte sie zu ihm »eh
ich euren Wunsch erfülle, muß ich drei Kleider haben, eins so golden wie die
Sonne, eins so silbern wie der Mond, und eins so glänzend wie die Sterne;
ferner verlange ich einen Mantel von tausenderlei Pelz- und Rauhwerk
zusammengesetzt, und ein jedes Thier in eurem Reich muß ein Stück von seiner
Haut dazu geben«. Sie dachte aber »das anzuschaffen ist ganz unmöglich, und
ich bringe damit meinen Vater von seinen bösen Gedanken«. Der König ließ
aber nicht ab, und die geschicktesten Jungfrauen in seinem Reiche mußten die
drei Kleider weben, eins so golden wie die Sonne, eins so silbern wie der Mond,
und eins so glänzend wie die Sterne: und seine Jäger mußten alle Thiere im
ganzen Reich auffangen und ihnen ein Stück von ihrer Haut abziehen, daraus ward
ein Mantel von tausenderlei Rauhwerk gemacht. Endlich als alles fertig war,
befahl der König den Mantel herbei zu holen, breitete ihn vor ihr aus und
sprach »morgen soll die Hochzeit sein«.

Als nun die Königstochter sah, daß keine Hoffnung mehr war, ihres Vaters
Herz umzuwenden, so faßte sie den Entschluß zu entfliehen. In der Nacht, während
alles schlief, stand sie auf und nahm von ihren Kostbarkeiten dreierlei, einen
goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen: die drei
Kleider von Sonne, Mond und Sternen that sie in eine Nußschale, zog den Mantel
von allerlei Rauhwerk an und machte sich Gesicht und Hände mit Ruß schwarz.
Dann befahl sie sich Gott und gieng fort und gieng die ganze Nacht, bis sie in
einen großen Wald kam. Und weil sie so müde war, setzte sie sich in einen
hohlen Baum und schlief ein.

Die Sonne gieng auf, und sie schlief fort und schlief noch immer, als es
schon hoher Tag war. Da trug es sich zu, daß der König, dem dieser Wald gehörte,
darin jagte. Als seine Hunde zu dem Baum kamen, schnupperten sie, liefen rings
herum und bellten. Sprach der König zu den Jägern »seht zu was dort für ein
Wild sich versteckt hat«. Die Jäger giengen hin und kamen wieder und sprachen
»in dem hohlen Baum liegt ein wunderliches Thier, das wir nicht kennen und wie
wir noch niemals eins gesehen haben: an seiner Haut ist tausenderlei Pelz; es
liegt aber und schläft«. Sprach der König »seht zu ob ihrs lebendig fangen könnt,
dann bindets auf den Wagen und nehmts mit«. Als die Jäger das Mädchen
anpackten, erwachte es, erschrak und rief ihnen zu »ich bin ein armes Kind, das
Vater und Mutter verlassen haben, erbarmt euch mein und nehmt mich mit«. Da
sprachen sie » Allerleirauh, du bist gut für die Küche, komm nur mit,
da kannst du die Asche zusammen kehren«. Also setzten sie es auf den Wagen und
fuhren heim in das königliche Schloß. Dort wiesen sie ihm ein Ställchen unter
der Treppe an, wo kein Tageslicht hinkam, und sagten »Rauhthierchen, da kannst
du wohnen und schlafen«. Dann ward es in die Küche geschickt, da trug es Holz
und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das Federvieh, belas das Gemüs, kehrte
die Asche zusammen, und that alle schlechte Arbeit.

Da lebte Allerleirauh lange Zeit recht armselig. Ach, du schöne Königstochter,
wie solls mit dir noch werden! Es geschah aber einmal, daß ein Fest im Schloß
gefeiert wurde, da sprach sie zum Koch »darf ich ein wenig hinauf gehen und
zusehen? ich will mich außen vor die Thüre stellen«. Antwortete der Koch »ja
geh nur hin, aber in einer halben Stunde mußt du wieder hier sein und die Asche
zusammen tragen«. Da nahm sie ihr Oellämpchen, gieng in ihr Ställchen, zog
den Pelzrock aus und wusch sich den Ruß von dem Gesicht und den Händen ab, daß
ihre Schönheit hervor kam und es war als käme ein Sonnenstrahl nach dem andern
aus schwarzen Wolken hervor. Dann machte sie die Nuß auf und holte ihr Kleid
heraus, das wie die Sonne glänzte. Und wie das geschehen war, gieng sie hinauf
zum Fest, und alle traten ihr aus dem Wege, denn niemand kannte sie, und meinten
nicht anders, als daß es eine Königstochter wäre. Der König aber kam ihr
entgegen, reichte ihr die Hand und tanzte mit ihr und dachte in seinem Herzen »so
schön haben meine Augen noch keine gesehen«. Als der Tanz zu Ende war,
verneigte sie sich, und wie sich der König umsah, war sie verschwunden, und
niemand wußte wohin. Die Wächter, die vor dem Schlosse standen, wurden gerufen
und ausgefragt, aber niemand hatte sie erblickt.

Sie war aber in ihr Ställchen gelaufen, hatte geschwind ihr Kleid
ausgezogen, Gesicht und Hände schwarz gemacht und den Pelzmantel umgethan, und
war wieder Allerleirauh. Als sie nun in die Küche kam und an ihre Arbeit gehen
und die Asche zusammenkehren wollte, sprach der Koch »laß das gut sein bis
morgen und koche mir da die Suppe für den König, ich will auch einmal ein
bischen oben zugucken: aber laß mir kein Haar hineinfallen, sonst kriegst du in
Zukunft nichts mehr zu essen«. Da gieng der Koch fort, und Allerleirauh kochte
die Suppe für den König und kochte eine Brotsuppe, so gut es konnte, und wie
sie fertig war, holte es in dem Ställchen seinen goldenen Ring und legte ihn in
die Schüssel, in welche die Suppe angerichtet ward. Als der Tanz zu Ende war,
ließ sich der König die Suppe bringen und aß sie, und sie schmeckte ihm so
gut, daß er meinte niemals eine bessere Suppe gegessen zu haben. Wie er aber
auf den Grund kam, sah er da einen goldnen Ring liegen und konnte nicht
begreifen, wie er dahin gerathen war. Da befahl er, der Koch solle vor ihn
kommen. Der Koch erschrak, wie er den Befehl hörte, und sprach zu Allerleirauh
»gewiß hast du ein Haar in die Suppe fallen lassen; wenns wahr ist, so kriegst
du Schläge«. Als er vor den König kam, fragte dieser, wer die Suppe gekocht hätte.
Antwortete der Koch »ich habe sie gekocht«. Der König aber sprach »das ist
nicht wahr, denn sie war auf andere Art und viel besser gekocht als sonst«.
Antwortete er »ich muß es gestehen, daß ich sie nicht gekocht habe, sondern
das Rauhthierchen«. Sprach der König »geh und laß es herauf kommen.« Als
Allerleirauh kam, fragte der König »wer bist du?« »Ich bin ein armes Kind,
das keinen Vater und Mutter mehr hat.« Fragte er weiter »wozu bist du in
meinem Schloß?« Antwortete es »ich bin zu nichts gut, als daß mir die
Stiefeln um den Kopf geworfen werden«. Fragte er weiter »wo hast du den Ring
her, der in der Suppe war?« Antwortete es »von dem Ring weiß ich nichts«.
Also konnte der König nichts erfahren und mußte es wieder fortschicken.

Ueber eine Zeit war wieder ein Fest, da bat Allerleirauh den Koch wie
vorigesmal um Erlaubniß zusehen zu dürfen. Antwortete er »ja, aber komm in
einer halben Stunde wieder und koch dem König die Brotsuppe, die er so gerne ißt«.
Da lief es in sein Ställchen, wusch sich geschwind und nahm aus der Nuß das
Kleid, das so silbern war wie der Mond, und that es an. Da gieng sie hinauf und
glich einer Königstochter: und der König trat ihr entgegen und freute sich, daß
er sie wiedersah, und weil eben der Tanz anhub, so tanzten sie zusammen. Als
aber der Tanz zu Ende war, verschwand sie wieder so schnell, daß der König
nicht bemerken konnte, wo sie hingieng. Sie sprang aber in ihr Ställchen und
machte sich wieder zum Rauhthierchen und gieng in die Küche, die Brotsuppe zu
kochen. Als der Koch oben war, holte es das goldene Spinnrad und that es in die
Schussel, so daß die Suppe darüber angerichtet wurde. Danach ward sie dem König
gebracht, der aß sie, und sie schmeckte ihm so gut wie das vorigemal, und ließ
den Koch kommen, der mußte auch diesmal gestehen, daß Allerleirauh die Suppe
gekocht hätte. Allerleirauh kam da wieder vor den König, aber sie sagte, sie wäre
nur dazu da, daß ihr die Stiefeln an den Kopf geworfen würden, und daß sie
von dem goldnen Spinnrädchen gar nichts wüßte.

Als der König zum drittenmal ein Fest anstellte, da ging es nicht anders als
die vorigenmale. Der Koch sprach zwar »du bist eine Hexe, Rauhthierchen, und
thust immer etwas in die Suppe, davon sie so gut wird und dem König besser
schmeckt als was ich koche«: doch weil es so bat, so ließ er es auf die
bestimmte Zeit hingehen. Nun zog es sein Kleid an, das wie die Sterne glänzte,
und trat damit in den Saal. Der König tanzte wieder mit der schönen Jungfrau
und meinte, daß sie noch niemals so schon gewesen wäre. Und während er
tanzte, steckte er ihr, ohne daß sie es merkte, einen goldenen Ring an den
Finger, und hatte befohlen, daß der Tanz recht lange währen sollte. Wie er zu
Ende war, wollte er sie an den Händen festhalten, aber sie riß sich los und
sprang so geschwind unter die Leute, daß sie vor seinen Augen verschwand. Sie
lief, was sie konnte, in ihr Ställchen unter der Treppe: weil sie aber zu lange
und über eine halbe Stunde geblieben war, so konnte sie das schöne Kleid nicht
ausziehen, sondern warf nur den Mantel von Pelz darüber, und in der Eile machte
sie sich auch nicht ganz rußig, sondern ein Finger blieb weiß. Allerleirauh
lief nun in die Küche und kochte dem König die Brotsuppe und legte, wie der
Koch fort war, den goldenen Haspel hinein. Der König, als er den Haspel auf dem
Grunde fand, ließ Allerleirauh wieder rufen, da bemerkte er den weißen Finger
und sah den Ring, den er im Tanze ihr angesteckt hatte. Da ergriff er sie an der
Hand und hielt sie fest, und als sie sich losmachen und fortspringen wollte,
that sich der Pelzmantel ein wenig auf und das Sternenkleid schimmerte hervor.
Der König faßte den Mantel und riß ihn ab. Da kamen die goldenen Haare
hervor, und sie stand da in voller Pracht und konnte sich nicht mehr verbergen.
Und als sie Ruß und Asche aus ihrem Gesicht gewischt hatte, war sie schöner
als man noch jemand auf Erden gesehen hat. Der König aber sprach »du bist
meine liebe Braut, und wir scheiden nimmermehr von einander«. Darauf ward die
Hochzeit gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihren Tod.

Gebrüder Grimm







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