Ach Gott laß dich erbarmen das Zillertal ist worden arm

Politische Lieder | | 2006
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Ach Gott! ach Gott, laß dich erbarmn!
Das Zillertal ist worden arm
Durch Leibsteuer und Geldaufschlag
Da führt man jetzt gar ein große Klag
und auch andre Anlagen und Beschweren,
So jetzt täglich zunehmen auf der Erden
Das jetzt der arme Bauersmann
Schier gar nimmer erschwingen kann

Die Leibsteuer hat gewährt acht ganze Jahr,
Der Aufschlag lang zuvor da war
Die Kriegsmusterung auch deßgleich;
Die thät auch Niemand machen reich.
Dieweil es schon so lang hat gewährt
So ist dem Beutel das untere obenzu gekehrt
Der Hunger war bei Vielen groß;
Der Leib war an der Kleidung bloß

Noch wollt ’s den Herren Alls nicht erklecken
Sie nahmen Etlichen die Leibsteur aus den Bettelsäcken
Sie thäten so noch weiter wagen
Und oft Ein’n in die Eisen und Schellen schlagen
Das geschah etlichen Mannen
Zu Fügen in der untern Schrannen
Da wollt sich schier der Handel rührn
So thäten ein Schörgen und ein Schreiber schmiern

Das thäten so gar unbesonnen.
Ein Prokurat ist ihnen noch entronnen ;
Der wollt das Trinkgeld nicht erbeiten
Er thät bald auf sein Bräunl davon reiten.
Das geschah im 16hundertisten Jahr
Und im 45gisten — das ist wahr —
Den 19ten Tag im Maien
Da thäten so gar Wenig freuen.

Es hätt schier geben ein grobes Koch
Daran man hätt zu lecken noch,
Wenn nicht Gott mit seinen Gnaden
Uns hätt bewahrt vor solchem Schaden.
Es war schon allbereits Alls in Gewehr,
Die Bauern und Gemein, ein ziemliches Heer,
Sie laufen zu der Rüstkammer mit Hauf;
Dieselbig muß man machen auf.

Die Kriegsrüstung nimmt man heraus;
Es war fürwahr ein grober Strauß
Durch das Pinzger wollte man gezogen sein
Da kommt der Herr von Stachelburg herein
nd noch damit zween andre Herrn;
Der mehrere Teil hat sie gesehen gern
Sie haben das Volk dahin bewegt
Daß man die Rüstung von ihm hat gelegt

Der Herr Stachelburger macht ein Beschluß,
Es soll mit ihm ein kleiner Ausschuß
Hinaus auf Salzburg in die Stadt
Und zu Ihro Hochfürstlichen Gnad;
Da möcht man noch Gnad erwerben
Und das Zillertal nicht gar verderben.

Der Herr Überäcker sollt dieweil da bleiben.
Es thät ihm aber sein Bruder schreiben
Er sollt hinüber in das Pinzgäu;
Da war er mehrer sorgenfrei
Dann unser gnädigster Fürst und Herr
Schickt‘ in das Pinzger gar viel Kriegsvolk her;
Die sollten zu denselbigen Malen
Das Zillertal bald überfallen.

Das haben die Zillertaler bald vernommen ;
Seind mehr als Sechstausend zusammen komme
Gar eilends und bald.
Sie zogen hinein in Pinzgerwald;
Daselbsten wollten sie so wöhren
Wiewohl sie hätten nit Viel zu zöhren
Etliche wollten schier fliehen davon;
Doch waren die Mehreren tapfere Mann.

Zu Ranach die Salzburgischen lagen
Und thäten sich mit einer Schanz verhagen
Und thäten dort auf die Bauern losen
Es haben ihnen auch oft gezittert die Hosen
Und gedachten auch oft in den Herzen:
Mit den Lappen ist nicht gut scherzen.

Da hat man noch andre Mittel vorgenommen
Damit man zu einem Vergleich ist gekommen.
Es mußte auch dasselbe mal
Ein Ausschuß aus dem Zillertal
Gar eilends und gar schnell
Hinunter in’s Pinzger und Mittersill.

Da hat man sich verglichen zu gleicher Zeit
Mit einander zu beider Seit
Und wann nur Gott den Herrn bät
Daß man diesen Vergleich halten thät
Die Reichen sowohl als die Armen!
Gott wolle sich unser noch erbarmen!
Gott hat uns dadurch zu verstehen wollen geben
Daß wir hinfür sollen anderst leben.

Die Oberkeit soll merken dabei
Daß sie nicht so tyrannisch sei!
Tyrannei ist ein Mutter der Rebellion
Das ist fürwahr ein grober Stamm
Es ist aber nicht anderst beschaffen
Nicht so gar unterdrucken die Armen
Sondern sollt dich über sie erbarmen!
Gott thut halt Ein’n mit dem Andern strafen.

Ein Jeder sucht zeitlich Gut und Ehr
Verachtet dadurch Gottes Gebot und Lehr;
Und wann wir thäten, wie wir sollten
So thät Gott auch, wie wir wollten
Es hat aber ein solche Gestalt:
Wenn oft Einer hätt der Obrigkeit Gewalt,
So möcht ich wohl sagen rund
So war er der allergrößte Hund.

Zu dem Nehmen wär er nicht zu faul
Er riss‘ ein Ändern das Brod aus dem Maul
Darum will’s gar langsam besser werden
Dieweil wir leben auf der Erden
Hilf Gott, daß wir uns bald bekehren
Und alsdann wird es besser werden
Und wird die Obrigkeit und Unterthanen
Ganz freundlich miteinander wohnen

So werden sie sicher sein vor der Rebellion
Das wünscht von Herzen ein alter Mann,
Der Dieses kurz in Reim verfaßt
Der hat allzeit den Unfried gehaßt;
Herentgegen hat er geliebt den Fried
Die Rebellerei gefällt ihm nit.

Text: 1645 (nach Steinitz I, S. 40f)

Hartmann, Histor. I Nr. 89 S. 324H. (= M. V. Süss, Salzburg. Volkslieder, 1865, S. 96)

Steinitz schreibt dazu: „Bei Hartmann ist der Text nur in Verse, nicht in Strophen eingeteilt. In einem 1784 gedruckten Bericht (s. u.) wird aber zweimal ausdrücklich gesagt, daß es sich um einen Gesang handelt, der in Abschriften heimlich im Volk kursierte und erst bei einer Revolte anläßlich einer zwangsweisen Rekrutenaushebung 1758 den Behörden bekannt wurde. habe den Text versuchsweise in Strophen (achtzeilige, bisweilen sechszeilige) abgeteilt. Dieses Lied auf den erfolgreichen Aufstand der Zillertaler hat sich also nachweislich weit über hundert Jahre heimlich unter den Bauern erhalten.

F. Th. v. Kleimayrn (Nachrichten vom Zustande der Gegenden und Stadt Juvavia, Salzburg 1784, S. 466) berichtet: „[Den] Aufruhr Zillerthals besang ein Gleichzeitiger mit Knittelversen und überlieferte dadurch das Andenken dessen, was die Vorältern gewaget, den späteren Nachkommen; denn die Abschriften dieses Gesanges roulirten immer in Geheim und in der Stille unter dem Volke herum, und wurden nicht eher entdecket, als es wirklich im Jahre 1758 abermal eine Rotte unangeseaseiier Pursche [Burschen] wagte, sich der Aushebung einer sehr geringen Anzahl Rekruten mit aufrührischem Gewalt, tobenden Worten und Thaten zu widersetzen, und zu behindern.“

Eine andere, ebenfalls bei Hartmann angeführte Quelle von 1796 sagt: „Da der Zillerthaler eine große Neigung zur Ungebundenheit äußert, so muß er immer gelinde behandelt werden, wenn er nicht zu tumultuarischen Auftritten gereizt werden soll. Man hat dies in einer Rebellion dieses Gebirgsvolkes vom Jahr 1645 erfahren. Es geht hier noch eine gereimte Threnodie aus jenen Zeiten in den Händen des Landmannes herum, welche diese Neigung zur Genüge bezeugt, und die wir ihres naiven Inhaltes wegen wortlich hieher setzen“ (dann obige Verse). Bei Hartmann auch Hinweise auf die Salzburger historische Literatur über den Aufstand der damals zu Salzburg gehörenden Zillertaler Bauern 1645—47.“

nach Steinitz I , S. 42

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