Krieg und Gesangunterricht

Lied und Erster Weltkrieg | | 2009
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Gegen den Singedrill

… Schon in Friedenszeiten galt die Pflege nationaler Gesinnung als vornehmste Aufgabe jedes Gesangunterrichtes. Der größte Teil der in der Schule geübten Lieder trägt patriotischen Charakter. Und wenn als selbstverständliche Forderung der Kriegszeit die Pflege des neue erwachten Geistes unserer Tage angesehen wurde, so hat der Gesangunterricht auch in dieser Beziehung seine Pflicht getan. Das neue Kriegslied, das die Schüler empfinden läßt, wie Herrliches und Großes das deutsche Volk geleistet hat, wie tapfer und todesmutig seine Helden kämpfen, wie zuversichtlich und stark wir an unsere gerechte Sache glauben, fand bald in jeder Schulstube Eingang.

Nicht die Art der Einübung, ob nach der Methode des Notensinqens oder mit der Geige in der Hand, war für diese Lieder von ausschlaggebender Bedeutung, sondern ihre Wirkung auf Geist und Gemüt unserer Jugend. Sie sollten Begeisterung und patriotische Stimmung erzeugen.

Daß in manchen Schulen des Guten zuviel getan wurde, geht aus einer Verfügung der Regierung in Posen hervor, die vor einem „Zuviel“ von Kriegsliedern warnte. Die alten kernigen Vaterlandslieder, auch sonst wichtige Aufgaben des Gesangunterrichtes wurden fast ganz beiseite gelassen. Bei geringer Kriegsdauer wäre das erträglich gewesen; auf die Dauer mußte eine solche Praxis aber zu schweren Schädigungen des Gesangunterrichts führen. Auch das neue Kriegslied muß sich dem Lehrplan so einfügen, daß keine methodischen Lücken entstehen. Es muß Rücksicht nehmen auf den Stimmumfang und auf die rhythmische Leistungsfähigkeit der Schüler – darf also nicht gänzlich wahllos dem Gesangunterrichte eingereiht werden.

Die Zahl der Kriegslieder hat eine so gewaltige Höhe erreicht, daß es nur einer kleinen Mühe bedarf, für jedes Schuljahr, ja für jede methodische Einheit einen passenden zeitgemäßen Liedstoff zu finden. Die Gesangschöre größerer Schulen haben sich auch außerhalb der Schule, bei patriotischen Veranstaltungen, in Lazaretten, bei Wohltätigkeitskonzerten und öffentlichen Feiern anderer Art, hervorgetan. Nach den vorliegenden Berichten haben gerade die frischen Vorträge der Schuljugend lebhaften Beifall geerntet. Man mag über die öffentliche Betätigung von Schulchören denken wie man will – ich bin kein Freund davon, sondern verurteile sie stimmhygienischer Bedenken wegen -, soviel steht fest, daß auch dadurch der Schulgesangunterricht   den Geist   unserer   Tage   hat   stärken  und ausbreiten   helfen. Er ist seinen Aufgaben in der Kriegszeit gerecht geworden – das muß gegenüber wiederholten Versuchen in Tages- und Fachpresse, ihn für an sich bedauerliche Erscheinungen, wie die Liederarmut unserer Soldaten verantwortlich zu machen, mit allem Nachdruck betont werden.

Im „Dresdener Anzeiger“ klagt eine Stimme aus dem Leserkreise: „Wie gerne würden wir nur jetzt ein vaterländisches Lied nach dem andern singen, wenn wir nur eins richtig könnten! Mit der Melodie geht es noch. Aber der Text – da reicht es höchstens bis zur zweiten Strophe. War es nicht eigentlich beschämend, daß, als in den Tagen der Mobilmachung die Reservistenzüge durch die Stadt marschierten, immer und immer wieder fast nichts anderes zu hören war,  als die jetzt nicht einmal zeitgemäße „Wacht am Rhein“, und von ihr auch nur die erste Strophe. Ganz ähnliche Klagen hörten wir vor kurzem aus Österreich herüberschallen…

Nur kein Gedächtnisdrill, heißt es in der modernen Pädagogik. Und was ist die Folge? Es fehlt am eisernen Bestand. Und der Verfasser des Aufsatzes in der „Wiener Zeitung“ behauptet: Daß die Volkslieder von den Soldaten nicht qesungen werden können, ist darauf zurückzuführen, daß die Pflege des Volksliedes in den Schulen seit Jahren zurückgegangen ist. Die Lehrerschaft hat sich mehr dem Kunstgesange und der künstlerischen Betätigung in der Musik zugewendet; das kindlich einfache, einstimmige Volkslied wird verhältnismäßig zu wenig beachtet und in der Schule viel zu selten gesungen.

Es ist nicht wahr, daß   in   den   Schulen die Pflege   des Volksliedes   zurückgegangen ist. Die Lehrpläne der Volks- wie auch höheren Schulen schreiben eine stattliche Anzahl von Liedern vor, die fest eingeprägt werden müssen. Darunter befinden sich fast alle unserer schönsten Volkslieder, die solange Eigentum der Schüler bleiben, als diese die Schule besuchen. Wenn sie nach beendeter Schulzeit wieder verloren gehen, so kann die Schule dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Der Schatz der geübten Volkslieder würde in späteren Jahren auch noch bekannt sein, wenn unsere Jugend ihn öfter wiederholen würde, anstatt ihn unbeachtet beiseite zu legen. Die „Schullieder“ werden im späteren Leben mit einer gewissen Nichtbeachtung und Geringschätzung behandelt.

In einem beachtenswerten Aufsatz im „Dresdener Anzeiger“ hat M. Brethfeld die tieferen Ursachen für die Volksliedarmut dargelegt. Man wird seinen Ausführungen die Zustimmung nicht versagen können. Er führt folgende Gründe an: 1. das infolge der Industrialisierung des Volkes gänzliche Verschwinden des Kinder- und Volksliedgesanges in der Familie, 2. das Überhandnehmen musikalischer Schundliteratur infolge der Veräußerlichung und Verrohung auf so vielen Lebensgebieten – eine Begleiterscheinung unserer hastigen äußeren Entwicklung, die Mechanisierung unserer Familien- und Hausmusik durch mechanische Musikwerke (Grammophon). („Das deutsche Volkslied und das deutsche Volk“. Dresdener Anzeiger 1915. 26. u. 27. August)

Mangelhafte Sachkenntnis verraten auch die Ausführungen über die Methode des Gesangunterrichts. Wenn sich die Lehrerschaft der künstlerischen Betätigung in der Musik zuwendet und Kunstgesangunterricht nimmt, so kann das nur mit Freuden begrüßt werden; der Schulgesangunterricht wird daraus nur Vorteile ziehen. Damit ist aber novh lange nicht bewiesen, daß in der Schule Kunstgesangunterricht getrieben wird. Der Kunstgesangunterricht beschäftigt sich mit der Einzelstimme, die er zu einem virtuosen Instrument heranzubilden bestrebt ist. Der Schulgesangunterricht ist Klassengesang, kann sich also auch nur mit der Masse beschäftigen. Zwar sucht jeder verständige Gesanglehrer soviel als möglich Gelegenheit, die Kinder einzeln singen zu lassen, aber leider verbietet die knappe Zeit, das in größerem Umfange zu tun. Man kann aber auch dann von einem Kunstgesang nicht sprechen, denn es handelt sich bei diesem Einzelgesang gewöhnlich nur um Abstellung größter Fehler, oder um Angewöhnung der richtigen Mund- und Lippenstellung, oder der vorschriftsmäßigen Zungenlage.

Es würde zu weit führen, hier den Unterschied von Kunst- und Schulgesang zu erläutern, nur soviel sei gesagt, daß auch der Schulgesang nichts lehren und ausführen soll, was gegen die Gesetze des Kunstgesanges verstößt.

Die neuen Lehrpläne, durch die eine außerordentlich unfruchtbare Methode des Schulgesangunterrichts zum Abschluß gebracht werden soll, legen entscheidenden Wert auf die Methode des Unterrichts. Sie fordern einen systematischen, die Selbständigkeit des Schülers fördernden Unterricht, der auf Singen nach Noten, Stimm- und Tonbildung mehr Zeit verwendet als auf das sinnlose Einüben von Volksliedern und Chorälen. Wir hoffen dadurch das Singeelend eher zu beseitigen, als durch den geistlosen Singedrill.

Unser Soldat, dem man die Liederarmut zum Vorwurf macht, überhaupt unsere gesamte Jugend, die lieber Gassenhauer als Volkslieder singt, hat zum überwiegendsten Teil einen Gesangunterricht genossen, der es als einzige Aufgabe betrachtete, eine möglichst große Anzahl von Volksliedern und Chorälen „einzudrillen“. Acht Jahre lang wurde in der Gesangsstunde weiter nichts getan als mit der Fiedel in der Hand ein Volkslied nach dem andern gesungen, im 8. Schuljahr genau dieselben Anforderungen an die Geistestätigkeit der Schüler stellend wie im 1. Jahre. Und welches war der Erfolg dieser für die Erwerbung eines Liederschatzes scheinbar so trefflichen Methode? Die Liederarmut, über die heute so lebhaft geklagt wird! Die Kriegszeit, in der die Liederarmut auch dem Laien zum Bewußtsein gekommen ist – dem Sachverständigen war sie schon vorher bekannt -, hat den untrüglichen Beweis geliefert, daß der Schulgesangunterricht bisher in falschen Bahnen wandelte,daß durch mechanisches Liedersingen dem Singelend nicht abgeholfen werden kann.

Die Frucht unermüdlicher Arbeit fortschrittlicher Gesangspädagogen der letzten Jahrzehnte sind die neuen Lehrpläne von 1914, die den Singedrill beseitigen sollen. Es muß als ein höchst gefährliches Unternehmen bezeichnet werden, wenn von unberufenen Seiten, denen die erforderliche Sachkenntnis fehlt, gerade jetzt gegen den Schulgesangunterricht zu Felde gezogen wird. Alle Bestrebungen, die darauf hinzielen, unsere moderne Gesangsmethode zu verdächtigen, um den „Singematerialismus“ wieder einzuführen, müssen mit den schärfsten Mitteln bekämpft werden. Es ist auch wohl nicht zu befürchten, daß unsere Behörde, die sich bei wichtigen Gesangsfragen stets durch eine Sachverständigen-Kommission beraten laßt, eine für die neue Gesangsreform nachteilige Verfügung erlassen würde. Vor mir liegt ein Erlaß des k.k. Landesschulrats, ganz im Sinne der Laienbestimmungen, die für die Liederarmut der Soldaten die Schule verantwortlich machen. Das verhängnisvolle Dokument hat folgenden Wortlaut:

„Während des Kriegszustandes ist von allen Seiten die betrübende Wahrnehmung gemacht worden, daß gerade die deutsch-österreichischen Soldaten im Vergleich zu den anderen liederarm genannt werden müssen. Es sind nur wenige Lieder, die sie anstimmen können, und selbst bei diesen versagt die Kenntnis des Textes schon bei der 2. und 3. Strophe. Daher singt überhaupt nur ein kleines Häuflein unter den marschierenden Truppen, und auch dieses verstummt bald oder hilft sich weiter durch Anschlagen von Gassenhauern, die zur Stimmung, in welcher die Soldaten marschieren, durchaus nicht passen….Schmerzlich vermißt der Soldat den liebenswürdigsten und zuverlässigsten Kameraden, der den Menschen auf dem großen Lebenswege in Freude und Leid bei der Arbeit wie zum erhebenden Feste begleitet: Guter Gesang.

Die Bezirksschulräte werden daher angewiesen, der Abstellung dieses Übelstandes vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden und für den ganzen Schulbezirk – wie dies rücksichtlich des Aneignens von Kirchenliedern vielfach schon geschieht – unter Mitwirkung der sangeskundigen Lehrer einen sorgsam ausgewählten Schatz von Volks-, insbesondere Marsch- und Soldatenlieder festzustellen und dahin zu wirken, daß von diesen Liedern alle Strophen und zwar jede nach ihrer charakteristischen Art, gesungen und fest eingeprägt werden, damit sie zu einem nach Text und Melodie durchaus sicheren und allzeit gegenwärtigen Besitze des Gedächtnisses werden und für das ganze Leben erhalten bleiben. Durch einen derartigen Betrieb wird der Schulgesang nicht nur das vaterländische Gefühl beleben, sondern durch die Pflege des bodenständigen Volksliedes den heimatkundlichen Gesinnungsunterricht wirksam fördern.

 

Der Erlaß ist sicher sehr gut gemeint, sein Ziel, die Liederarmut zu beseitigen, muß freudige Anerkennung finden. Aber die Mittel, die zu diesem Ziele führen sollen, werden sich als verfehlt erweisen. Der Schatz von Volks-, Soldaten- und Marschliedern kann noch so fest eingeprägt werden, er wird doch nicht sicherer und allezeit gegenwärtiger Besitz des Gedächtnisses bleiben, wenn er nicht nach beendeter Schulzeit regelmäßig wiederholt wird. Die „feste“ Einprägung wird in den bekannten „Singedrill“ ausarten, der seine Unfähigkeit, uns vor der Liederarmut zu schützen, zur Genüge bewiesen hat. Reine Intonation und deutliche Textaussprache kann ebenso gut – erstere noch besser – durch den mehrstimmigen, wie durch den einstimmigen Gesang gepflegt werden. Der Soldat singt gerade die Lieder am liebsten, die nicht zum Stoffgebiet der Schule gehören. Mag die Auswahl noch so sorgfältig sein, sie wird nur in den seltensten Fällen den Geschmack unserer marschierenden Soldaten treffen.

Die Schule kann niemals die Pflicht haben, für ganz bestimmte Gelegenheiten und Verhältnisse ihre ganze Kraft zu verwenden. Der Schulgesangunterricht soll die Kinder Befähigen, sich im späteren Leben musikalisch zu betätigen, aber nicht nur Lieder für die nach Jahren beginnende Militärzeit einzuüben. Der Erlaß wird das Gegenteil von dem bewirken, was er bezweckt. Der Gesangunterricht wird dadurch nicht gefördert, sondern gehemmt, das vaterländische Gefühl nicht belebt, sondern ertötet werden. Die österreichischen Kollegen sind wahrlich nicht zu beneiden, daß bei ihnen die alte Methode des Gehörsingens wieder ihren Einzug halten soll, daß sie gezwungen sind, durch ein gänzlich veraltetes und erfolgloses Mittel vorhandene Übelstände zu beseitigen. Sie werden dadurch nichts erreichen, sondern zum Schaden der Jugend die knappe, dem Gesangunterricht zur Verfügung stehende Zeit nutzlos vergeuden.

Der Erlaß k. k. Landesschulrats muß als ein Rückschritt auf gesangsmethodischem Gebiete bezeichnet werden. Es muß angenommen werden, daß ein Sachverständiger vor Abfassung dieses Erlasses nicht gehört worden ist, denn er hätte die entsprechende Aufklärung über die Ursachen der Liederarmut und deren Abhilfe geben können.

In unseren preußischen Schulen müssen mindestens 30 Volkslieder eingeprägt werden. Die Auswahl des Liederkanons ist in den einzelnen Gegenden verschieden, aber doch hat sie das gemeinsam, daß unsere bekanntesten und schönsten Volkslieder, besonders die patriotischen, überall zu finden sind.  Die Lieder werden tüchtig geübt, regelmäßig wiederholt und den Kindern fürs Leben mitgegeben.

Die Melodie haftet gewöhnlich recht lange, der Text dagegen geht schnell verloren. Damit sind wir bei einem Punkt angelangt, der einmal etwas eingehender erörtert werden muß.

Die Volkslieder, die im Gesangunterricht gesungen werden müssen, die jeder Deutsche kennen und können muß, müssen unbedingt auch Stoffe des Deutsch-Unterrichtes sein und dort eine eingehende Behandlung erfahren. Die Gesangstunde hat die musikalische Seite des Volksliedes zu erledigen. Die Durcharbeitung und Einprägung des Textes ist Aufgabe des deutschen Unterrichts. Er trägt die Verantwortung, wenn nur immer die erste Strophe eines Liedes gegenwärtig ist und bei der 2. und 3. das Gedächtnis versagt. Der Gesanglehrer wird sich wohl bei der Einübung eines Liedes von der Textkenntnis zu überzeugen haben, auch einige Fragen zur Wort- und Sacherklärung stellen, alles aber, was drüber hinausgeht, gehört nicht in sein Fach hinein.

Die so oft beklagte „Liederarmut“ ist keine Melodien-sondern eine Textarmut, für die sich der deutsche Unterricht zu verantworten hat. Das Verfahren mancher Revisoren, den Erfolg und die Arbeit des Gesangunterrichts nach der Kenntnis der einzelnen Strophenanfänge zu beurteilen, ist so unpädagogisch wie nur möglich. Aber auch der beste Deutsch-Unterricht wird die Texte nicht als dauernden Besitz fürs ganze Leben dem Gedächtnis übermitteln können. Jeder prüfe sich selbst, wieviel er von Memorierstoffen, die mehr als einmal fest „eingepaukt“ wurden, so daß man glaubte, sie könnten gar nicht verloren gehen (religiöse Memorierstoffe!) denn noch als sicheren Besitz aufweisen kann! Er wird erstaunt sein, was er alles nicht kann. Gegen „Vergessen“ ist kein Kraut gewachsen.

Das sollte man auch bedenken, wenn man immer wieder von der Liederarmut redet. Sie läßt sich durch ein Gewaltmittel, wie es sich in der „festen Einprägung zum dauernden jederzeit gegenwärtigen Besitz fürs ganze Leben“ darstellt, nicht aus der Welt schaffen. Schon oben wurde erwähnt, daß die mangelnde Wiederholung nach beendeter Schulzeit an der Verkümmerung des in der Schule er-worbenen Liederschatzes schuld ist. Unsere Jugend singt zwar viel, ihr Liederschatz setzt sich aber nicht aus guten Volksliedern, sondern aus Operettenschlagern und Produkten der Schundliteratur zusammen. Auf wirklich wertvolle Musik ist die Betätigung unserer Jugend ziemlich selten gerichtet. (Wegen mangelnder schulischer Vorbildung der Sänger sind Chorvereine auf mechanischen Drill angewiesen)

Der Soldat singt gern und viel. „Selten aber“, so wird wiederholt geklagt, „hört man ein schönes altes Volkslied.“ Wird einmal ein Volkslied angestimmt, so bleibt das immer eine Ausnahme. „Zumeist ist die Operette vertreten.“ ( Monatsschrift für Schulgesang : XI. Jahrg. Heft 3, Seite 59). Auf dem Marsche sind natürlich Marschlieder bevorzugt: „Die Wacht am Rhein“, „Deutschland hoch in Ehren“, „Ich hatt einen Kameraden“, „Drei Lilien“, und die in den einzelnen Garnisonen üblichen Soldatenlieder mit Texten, die gewöhnlich nicht, was Schönheit der Sprache, Zartheit des Empfindens und Adel des Ausdrucks anbetrifft, zu den hervorragendsten Erzeugnissen unserer Volksweisen gehören. Die wegen der „Liederarmut“ so oft angerufene Schule hätte hier wenig helfen können. Der Soldat singt „seine“ Lieder, aber keinen Schulkram….

Das Urteil der Fachleute über den Soldatengesang im Felde lautet wenig erfreulich auch hinsichtlich der Beteiligung an den im Stellungskrieg zahlreich entstandenen Chorvereinigungen und Quartetten. Recht lesenswerte Ausführungen veröffentiicht darüber Jos. Schuberth in „Die Stimme“ (Dezember 1916):

Die Singelust unserer Feldgrauen ist groß, das stimmliche Material „manchmal geradezu hervorragend“. „Und doch muß leider gesagt werden, daß der mal Männergesang geradezu versagt hat.“ Alle kleinen Hindernisse, wie Notenbeschaffung, Übungsraum usw. sind leicht zu überwinden. Es bleibt nur ein Übel: „Die Unfähigkeit vieler Sänger, ganz einfache Volkslieder oder Choräle nach Noten vom Blatt zu singen.“ „So aber hat der Chorleiter die häufig undankbare Aufgabe, Note für Note, Stimme für Stimme mechanisch einzupauken. Das nimmt ihm am meisten Zeit weg, macht die Proben langweilig und läßt zum musikalischen Studium unter den bestehenden Verhältnissen die allergeringste Zeit. Somit ist der größte Übelstand zu bezeichnen, daß ein großerTeil der Mannschaften keine Ahnung von Notenwerten, Tonhöhe und Treffsicherheit hat, von Stimmbildung, dem Haupterfordernis schönen Gesanges, gar nicht zu sprechen.“

Dieselben Klagen hören wir von Hugo Löbmann in einem Artikel der „Deutsche Sängerbundeszeitung“: „Der deutsche Männergesang, die Volksschule und der Krieg“. Auch er stellt aus Feldpostbriefen fest, daß Sangesfreudigkeit und Liebe zum deutschen Liede ein Wesenszug des deutschen Soldaten ist, daß ihm, dem Soldaten, aber ebenso sehr die Befähigung zur erfolgreichen Beteiligung am Vereinsleben im Felde fehlt.
Im gleichen Sinne lauten die Urteile von den im Felde stehenden Fachleuten, die ich gelegentlich über den Gesang unserer Feldgrauen befragte. Es ist weniger die Liederarmut, als vielmehr die Unfähigkeit, die zu Tausenden ins Feld gesandten Lieder- und Stimmbücher mit Verständnis zu gebrauchen, die als Übelstand empfunden wird. Damit sollen keineswegs die dankenswerten Notensendungen so vieler Verleger, die sie unsern Feldgrauen haben zugehen lassen, als überflüssig bezeichnet werden. Es sollte nur festgestellt werden, daß dieses Liebesgabenwerk noch viel größeren Segen hätte stiften können, wenn die Bücher in der rechten Weise – nicht nur als Textbücher -benutzt werden könnten.

Wenn irgendwo,so ist hier die Schule zur Verantwortung zu ziehen. Sie hat versagt -nicht erst im Kriege, sondern auch vorher schon – sofern es sich darum handelt, die Kincler in musikalischer Beziehung fürs Leben vorzubereiten. Was seit Jahren von fortschrittlichen Gesangspädagogen bemängelt wurde, das hat der Krieg mit aller Deutlichkeit erwiesen. Unsere Schule hat es versäumt, ihren Zöglingen die für die musikalische Beteiligung im Leben notwendige musikalische Vorbildung zu geben. Die Beteiligung am musikalischen Leben erfordert eine gewisse Treffsicherheit, eine brauchbare, schöne und mühelose Tonbildung, eine reine und deutliche Lautbildung. Durch den Liederdrill konnte eine solche Ausbildung nicht vermittelt werden. Er verschaffte zwar den Kindern einen Schatz von Volksliedern und Chorälen, erreichte es aber nicht, daß dieses Kapital irgendwelche Zinsen trug; es blieb tot liegen.

Und ist das verwunderlich? Das herrlichste Volkslied bis zum Übermaß geübt und wiederholt, erscheint endlich einmal langweilig und ausgeleiert, man mag es für längere Zeit nicht hören und singen. Einem Verein konnte man sich nicht anschließen, denn es fehlte Notenkenntnis und „Vom Blattsingen“. Es blieb zum Musizieren nur der leicht ins Ohr fallende Operettenschlager und der Gassenhauer übrig. Genau so geht es den Soldaten. Sie haben seit ihrer Schulzeit gewöhnlich fast gar nicht gesungen, denn am Vereinsleben teilzunehmen – wenn dazu Gelegenheit war – fehlte ihnen die Vorbildung; die Schullieder aber wurden mit der Zeit vergessen. Wir würden nichts von „Liederarmut“ und mangelnder Beteiligung am Männergesang im Felde hören, hätte die Schule in musikalischer Beziehung die späteren Soldaten so ausgerüstet, daß sie sich nach vollendeter Schulbildung und beendetem Stimmbruch in Gesangvereinen hätten betätigen können. (Die neuen Gesangslehrpläne werden erst in die Praxis umgesetzt werden können „sobald die Glocken Frieden geläutet haben“.)

Von Walther Zahn, Gesanglehrer in Berlin-Pankov , in: “ Die Volksschule “ , 14. Jg. 1918 , H. 3, S. 65-71, H 4 S. 97-100







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