Das deutsche Lied an der Front

Lied und Erster Weltkrieg | | 2009
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Musikalisch steht der gegenwärtige Krieg unter dem Zeichen des „Zersingens“ alter, schöner Lieder. Bestes Beispiel hierfür ist das vielgesungene „Ich hatt‘ einen Kameraden“, das in seiner neuen Gestaltung geradezu ein Erkennungslied unserer großen Zeit geworden ist. Es sei gleich festgestellt, daß dieses Lied nicht erst im gegenwärtigen Kriege aufgetaucht ist. Es war schon vorher eine lange Reihe von Jahren bekannt und hatte bereits Freunde und Gegner gefunden.

Viele Musiker sahen in dem neuen Teil des Liedes eine Weiterentwicklung von Text und Weise, die mit Freuden zu begrüßen sei. Andere wiederum lehnten das neue Gebilde rundweg ab, da sie es als eine Verschandelung des alten prächtigen Soldatenliedes ansahen. Woher die Weiterentwicklung des in Frage stehenden Liedes kam? Man hat Nachforschungen angestellt, um das erste Auftreten der Neuerung festzustellen, hat auch hier und dort die ersten Anfänge zu finden geglaubt, ohne aber das erstmalige Erscheinen feststellen zu können.

Wir haben also ein neues Gebilde der Volkskunst vor uns, von dem man weder Dichter noch Komponist kennt. Es ist wohl anzunehmen, daß diese Neubildung innerhalb der Kasernenmauern entstanden ist. In der alten Fassung war den Soldaten das Lied zu kurz für den Marsch. Sie suchten nach einer Erweiterung und fanden diese schließlich in dem bekannten neuen Anhang. Woher nahm man die Melodie zu diesem Neugebilde? Völlig neu ist sie nicht. Bei der Stelle „Die Vöglein im Walde -“ ist eine direkte Übereinstimmung mit einem geistlichen Volksliede englischen   Ursprungs festzustellen. Dieses Lied beginnt mit den Worten „Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh“ wurde und wird noch in unsern Kindergottesdiensten sehr häufig gesungen und findet sich nach Text und Melodie auch im Anhang zum sächsischen Landesgesangbuchs verzeichnet.

Der Zusammenhang in der Übereinstimmung in den  Melodien beider Lieder ist leicht festzustellen. Der Parallelismus besteht von den Worten an „Die Vöglein im Walde -“ bis zum Schluß. Der Text dieses neuen Teiles ist zusammenhanglos und zerfahren, die Melodie des Ganzen ist formlos. Die Zeichen eines edlen Volksliedes sucht man vergebens an ihm. Die textliche Entwicklung des Liedes scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Anstatt „Mit Herz und Hand fürs Vaterland -“ singt man jetzt häufig, „Mit Herz und Hand nimm die Flinte in die Hand -„. Dadurch wird der Gegensatz zu den „Vöglein im Walde“ noch größer, ohne daß die Dichtung einen wertvolleren Inhalt bekommt. Vielfach scheint man sich auch der textlichen Unsinnigkeiten bewußt zu werden. Nach der eben erwähnten Stelle singt man jetzt nochmals die Worte „fürs Vaterland“, geht in den letzten beiden Tönen über den Leitton zur Oktave und läßt den ganzen letzten sentimentalen Teil mit den „Vöglein im Walde“ ganz weg.

aus: Richard Noatzsch : Das deutsche Lied an der Front im Weltkriege der Gegenwart , in: Monatsschrift für Schulgesang , Jg. 1916/17 , S. 29 f und S. 57







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