Die Macht des deutschen Liedes im gegenwärtigen Kriege (1916)

Kriegserziehung im Kaiserreich | , | 2009
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Das Lied als Kriegsverbündeter des deutschen Volkes

Wie bei der Ankündigung der Mobilmachung nach der vorangegangenen unheilschwangeren Zeit der Ungewißheit die alten Nationallieder überall in Massenchören gen Himmel schallten, wie die ausrückenden Truppen in der Heimat und auf jeder Station selbst singend mit brausendem Gesang empfangen wurden, wie die ersten Siegesnachrichten immer wieder zu vaterländischem Gesang begeisterten, das haftet in der Erinnerung jedes Einzelnen, der diese unvergleichliche Zeit miterlebte. Für unsere in Belgien einmarschierenden Truppen war das erste Überschreiten der Grenze gewöhnlich ein besonders weihevoller Augenblick, der ein dreifaches Hurra und ein Lied auslöste.

Als Massenerscheinung trat dann die Wirkung unseres Gesanges bei der Besetzung Brüssels und Namurs wunderbar zu Tage. Der Einzug starker Teile der Kluckschen Armee in die belgische Hauptstadt war im Grunde ein Durchmarsch, denn die Truppen zogen in Eilmärschen gegen die Engländer unter French, und daher erlebten die erschreckten Brüsseler den seltenen Anblick, daß sich unsere Feldgrauen in endlosen Zügen strammen Schritts und wie auf Märschen meist singend durch ihre Straßen ergossen, in der Dämmerung und während der Nacht ein geisterhaftes Bild. „Die Infanteristen“, schreibt ein Augenzeuge, H.R. Davis, in der New York Tribüne, „sangen: „Lieb Vaterland. Zwischen jeder Zeile machten sie drei Schritte Pause. Zuweilen sangen 2000 gleichzeitig, vollkommen in Takt und Schritt. Wenn eine Pause im Liede war, hörte man nur das Stamp-fen der genagelten Stiefel, dann erscholl der Gesang von neuem, und wenn sie nicht sangen, spielten die Spielleute“.

Wie spontan für einzelne Abteilungen das Lied hervorbrach, beschreibt ein Unteroffizier W.B.:“ Von einem öffentlichen Gebäude grüßt uns die erste deutsche Flagge; mit donnerndem Hurra wird sie begrüßt. Und nun fängt einer an zu singen: Es braust ein Ruf wie Donnerhall! Das macht alles wieder gesund, das herrliche Schlachtenlied! Wie fliegen die Beine, wie leuchten die Augen!“ Die englische Presse hat mehrfach von dem überwältigenden Eindruck des singend marschierenden deutschen Heeres berichtet, die Tagebuchblätter der damals in Belgien weilenden Herzogin von Sutherland enthalten schöne Stellen darüber….

Ganghofer beobachtete den Ausmarsch zweier Bataillone des bayrischen Leibregiments: „So finster war es, daß ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, dichten Menschenklumpen unterschied ich.Das einzig Helle und deutlich Sichtbare waren die wehenden Glutfunken der Zigarren und Pfeifen. Immer sangen die Soldaten; immer das gleiche Lied: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt´s ein Wiedersehen!“ Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und  hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne. Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes und heiliges Wissen: daß solche Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem Jauchzen hinausmarschieren, der Gefahr und dem drohenden Tod entgegen, daß solche Soldaten siegen müssen!“

Besondere Beachtung erfordert, daß infolge des durch den Krieg allgemein erstarkten religiösen Gefühls auch das geistliche Lied neben den weltlichen mehr hervortritt. Ein im Felde stehender Student hebt in einem Briefe aus der Gegend zwischen Lilie und La Bassee vom 10. Januar 1915 die religiöse Grundstimmung vieler gesungenen, geistlichen wie weltlichen, Lieder ergreifend hervor: „Bei alten Volksliedern weinen Leute, denen man ganz Anderes zutraute, die einen wohl gar an das erinnerten, was man früher Proleten nannte. Vaterlandslieder, Soldatenlieder und Choräle fließen mit ganz neuer, ungehemmter Unmittelbarkeit hervor. Fast immer auf Nachtposten hört man Choräle singen. Da war ein Kerl, mit dem ich gestern morgen noch im Graben Posten stand und im Wasser arbeitete, der sang einen Choral und dann eines von diesen alten, langsamen, immer etwas traurig klingenden Soldatenliedern, ein trotz aller Strapazen fröhlicher Bauernkerl – und einige Stunden später lag er tot, mit dem Gesicht im Dreck.“

Der Schlosser Eugen Bernzott aus der Umgegend von Bremen schreibt am 12. Dez. 1914 aus Ostpreußen: „Als ich heute den Befehl erhielt, am Ufer der Angerapp Boote zu suchen, kam ich in die Stadt D. und hier hörte ich seit langer Zeit zum erstenmal wieder eine Orgel. Obgleich die Russen die Stadt arg beschießen, war doch einer von unseren Soldaten in die Kirche gegangen, um dort seinem Herzen Luft zu machen in einem Orgelspiel. Ich hatte mich an die Kirchentür gestellt und dem Spiel gelauscht. Es war sonderbar anzuhören: das schöne Orgelspiel und dazwischen das Heulen der Artilleriegeschosse, die dann etwa 75 Meter hinter der Kirche platzten. Sehr befriedigt und seltsam ruhig ging ich dann, meinen Schießprügel über den Buckel gehängt, um den mir gewordenen Befehl auszuführen.“

Der Kaiser hatte an die ausziehenden Kadetten am 11. August 1914 die Worte gesprochen: „Sollte uns Gott der Herr den Sieg schenken, so bitte ich mir aus, daß der Choral von Leuthen nicht fehlt.“ In der Tat sind oft auf blutgetränktem Schlachtfeld nach heiß errungenem Sieg Danklieder erschollen, Choräle neben den Nationalliedern.

… der Angriff erfolgt meistens zwar unter Hurrarufen, nicht aber unter Absingen von Liedern, da die moderne Kampftechnik ein eigentliches Singen gar nicht gestattet. Der gewöhnliche Verlauf des Angriffs wird aus einem Feldpostbrief deutlich: „Ein schmetterndes Trompetensignal! Noch mehrere! Alles übertönend, das Signal „Rasch vorwärts“ der Hornisten und Tamboure! Mit aufgepflanztem Bajonett geht es vorwärts im Sturm auf die russische Stellung. Da – von einem einzigen Hurra erzittert die Nacht -Tausende und Abertausende von Männerkehlen rufen laut. Das Handgemenge beginnt.“

Die schon weithin berühmt gewordene Generalstabsmitteilung vom 12. (11.) November 1914: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange „Deutschland, Deutschland über alles“ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie (Erfolg: 2000 fran-zösische Gefangene, 6 Maschinengewehre)“ bezeichnet eine solche Ausnahme von der Regel, daß sie besonders hervorgehoben zu werden verdiente. Es lag hier eine ganz ungewöhnliche Kraftanspannung vor, die in der überquellenden, todesmutigen Begeisterung der jüngstdeutschen Generation wurzelt. (Anmerkung: Diese Geschichte ist mittlerweile als eine Lüge und reine Kriegspropaganda entlarvt: Siehe dazu www.langemarck.net  )

Der Vorfall hat sich später noch ein paarmal wiederholt. Im Januar 1916 eroberten in der Champagne die Reserven eines sächsischen Infanteriereqiments verloren gegangene Gräben unter dem Gesange des „Deutschland über alles“ zurück (Weserzeitung , 9. Jan. 1916). Nach einem über Genf (4. März 1916) gemeldeten Bericht des Figaro wären die Deutschen beim Sturm auf die Feste Douaumont trotz heftigen Feuers der Franzosen mit dem Gesang der „Wacht am Rhein“ vorwärtsgedrungen. Die Regimentmusik begleitet, wo es örtlich möglich ist, den Angriff, wie mehrfach aus dem Osten berichtet
wird…. (Anmerkung: Auch hier handelt es sich vermutlich um reine Kriegspropaganda , womöglich, damit die erste Lüge glaubhafter wurde)

In den „Kriegsfahrten deutscher Maler“ (1915) betont Theodor Rocholl den Einfluß der begeisterungsfähigen Kriegsfreiwilligen (Brief vom 3. Juni 1915): „Das Regiment lag seit Stunden im vollen schweren Granatfeuer unweit des Aisne-Kanals und hatte große Verluste. Aber es hieß: ausharren, komme was da wolle. Die Sonne schien heiß. Die Granaten kamen mit jeder Sekunde toller, und es war kein Ende abzusehen. Die Stimmung wird immer unerträglicher. Und bei zahllosen, vor wahnsinnigen Schmerzen wimmernden und sich krümmenden Opfern scheint es nur eine Frage weniger Minuten und die Standhaftigkeit, die das Regiment nun schon so oft bewiesen, wird immer mehr auf die Probe gestellt. Da tönt – erst leise und zaghaft, dann laut und helle durch all das Stöhnen der Sterbenden und das Jammern der Schwerverwundeten – die Stimme eines blutjungen Kriegsfreiwilligen, dessen Feuertaufe dieser Tag war, „0 Deutschland, hoch in Ehren“, und alles Klagen verstummt vor der Stimme dieses Jünglings, und aller Augen ringsum suchen nach dem Sänger, und Aktive, Reserve und Landwehrmänner legen die Hand wie schmeichelnd an ihr Gewehr, schieben Patronenrahmen nach Patronenrahmen hinein und halten aus, bis der Abend naht und mit ihm die Ablösung.“

Nach all diesen erhebenden Zeugnissen läßt sich sagen, daß Bismarcks vorahnendes Wort von dem Lied als Kriegsverbündeten des deutschen Volkes wunderbar in Erfüllung gegangen ist. Das Lied wirkt anspannend während des Marsches, beim Vorrücken, entspannend nach dem Marsch oder Gefecht, im Lager, in der Ruhestellung. Das eigentliche Soldaten- und Marschlied spornt an, rafft auf und mindert die Anstrengungen, das Nationallied begeistert und feuert zur Höchstleistung, zum Einsatz des Lebens an; im heimatlichen Volkslied und Choral ebbt das erregte Gefühl ab und führt zum Ausgleich. Die letzte Wirkung des Liedes ist immer eine ethische. Man täusche sich nicht darüber, daß der Krieg trotz aller Erfolge im großen, aller Heldentaten im einzelnen unvermeidbar seelische Abstumpfung zur folge hat.

Der Gegensatz zu den Anschauungen des Friedens ist eben zu groß, um ganz ohne Nachteil überwunden zu werden (Vor dem Kriege lehrte man: du sollst nicht töten, im Kriege: du mußt töten, um nicht getötet zu werden). Bei der hohen Kulturstufe unseres Volkes und seiner starken sittlichen Reserve darf man ohne nationale Überhebung aussprechen, daß die schädlichen Nebenwirkungen des blutigen Kriegshandwerkes sich auf ein Mindestmaß beschränken und beschränken werden. Dazu hat auch der von unsern Gegnern bewunderte Gesang unseres Heeres an seinem Teil mitgewirkt, als ein ethisches Heilmittel, denn jedes der bedrängten Menschebrust entströmte Lied ist eine Selbstbefreiung vom Leid, eine Erhebung über das Gemeine und Rohe, ein Sehnsuchtsruf nach Freude und Glück, eine Minderung egoistischer Triebe und ein leises Hervortreten reiner und wahrer Menschlichkeit….

Professor Dr. Hermann  Tardel , Gymnasiallehrer und Volkskundler : Die Macht des deutschen Liedes im gegenwärtigen Kriege , in: Preußische Jahrbücher , Jg. 1916, S. 75 f.. 77, 81, 82, 87 f., 89 f.

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