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Stricken und vaterländische Lieder

… Dann kam der Erste Weltkrieg. Das war entsetzlich für uns. Die Mobilmachung wurde bekanntgegeben auf dem Marktplatz. Und die Menschen, die rasten wie verrückt, rissen ihre Hüte hoch und „Heil dem Kaiser“… Na ja, und dann ging das ja los mit dem Patriotismus, der schlug ja Wellen bis obenhin. … Dann kamen die Siegesmeldungen, das war furchtbar, für uns war es furchtbar. Aber die Leute standen Schlange, da kamen die Postkarten heraus. Ich hatte einen Bekannten, der mußte die mit zeichnen, der war Kunstmaler, der war arbeitslos. Da wurden diese Postkarten gemacht: „Jeder Stoß ein Franzos“, „Jeder Schuß ein Russ“, „Jeder Tritt ein Britt´“ Und diese Karten, die kamen ja auch in die Schule, die wurden dann an die Wandtafel geheftet, damit wir das richtig sahen.

Und dann kamen ja die Siegesmeldungen aus dem Osten. Von wegen diese vielen Gefangenen.
Und dann kam er ja mit seinem Lied, der Herr Christian. Und da ich Vorsängerin war, sollte ich das denn singen. Er spielte das vor, er sprach das denn so, singen konnte er ja nicht. Nachher mußte das die Klasse dann im Chor singen.

„Wie ist´s dem Russen hier ergangen
er tilgt es aus mit Stiel und Stumpf
Hat 90 000 Mann gefangen
den Rest gejagt in See und Sumpf
Sich an die Grenz´ zu winden durch
und einen Dank dem Hindenburg
dem Hiha-Hindenburg, dem Hindenburg“

Ich denk, das gibt´s ja wohl nicht. Also so was sing ich ja nie. Mein Bruder war ja an der Front. Dann sagte er: So, nun sing mal. Ich sag: Nein, Herr Melchers, das sing ich nicht. – Wieso? sagt er. Wieso singst du das nicht? Das ist ja ein Ungehorsam von dir. Ich sag, nein, das sing ich nicht. Meine Mutter, die wartet genauso auf ihren Sohn wie die russische Mutter. Da bin ich gegen, sag ich. Aber jedenfalls hat er mir das aufgeschrieben an meinen Vater, ich hätte das da verweigert, und er möchte dazu Stellung nehmen, dieser Ungehorsam.

Und dann sagt mein Vater zu mir: Sing das mal. Dann sagt er: Das gibt s ja wohl nicht, ich denk, das ist ein Deutschlehrer. Was ist das denn für ein Deutsch, das ist ja furchtbar – Hiha-Hindenburg! Alle haben sie sicn lustig gemacht zu Hause. Na, dann hat er aufgeschrieben, ich bin mit der Haltung meiner Tochter einverstanden.

Und der Melchers nahm dann seine Longnette … guckte so und legte sie dann ins Katheder. Und denn, wie der Krieg kam, was die uns ausgenutzt haben. Da mußten also stricken, stricken und noch mal stricken. Ohrenwärmer und Socken. Mein Vater, der sagte immer, sag mal, die sind ja wohl wahnsinnig. So Socken, das ist was für Elefanten, aber nicht für Soldaten! So groß waren die. Und denn fing das an mit Wettstricken. Also die letzte Stunde in der Schule mußten wir nur stricken, und beim Stricken mußten wir dann vaterländische Lieder singen. …

Cläre Preissner (damals 14 jahre alt) besuchte bei Kriegsbeginn 1914 die Schule an der Schmidtstraße in Bremen . in: Erinnerungen einer Freischülerin. Cläre Preissner erzählt aus der Zeit  von 1907 – 1915. Aufgezeichnet von Barbara Lindemann und Wolfgang Jung , in: Beck J. / Boehnke , H.  (Hrsg.): Jahrbuch für Lehrer 6, Reinbek 1981, S. 338 – 340







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