Eine Massenmobilmachung der Reimpaare (1914)

Lied und Erster Weltkrieg | | 2009
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Über Kriegslyrik und heiligen Krieg

Im Frieden sitzt jeder Mensch in seinem eigenen krausen Rosengärtlein und pfeift seine Lieblingsmelodie. Dann kommt der Krieg und wirbelt alle Kleinstaaterei der Herzen durcheinander, daß wieder die einfachen, starken Urgefühle der Menschheit Raum gewinnen: Volksnot, Vaterland, Kampf, Sieg. Über die Endlichkeit und Vergänglichkeit weisen sie hinaus in den Tod. Das Mysterium des Lebens und Sterbens ergreift uns alle; aber am unmittelbarsten doch den Krieger. Und diese heiligste Ergriffenheit sehnt sich nach der dichterischen Verklärung. Die Heldentat will das Heldenlied.

(…)Die politische Dichtung ist Immer Absichtsdichtung; die von 1813 war es ganz besonders. Denn das deutsche Volk, das in politischer Schulung hinter den anderen zurückstand, vermochte es noch nicht, in Reden und in Zeitungsaufsätzen auszusprechen, was ihm durch Herz und Sinne ging; es flüchtete ganz in die Poesie. So gewann die deutsche Literatur ein Kapitel, das kein Gegenstück in der Universalgeschichte findet, eine Lyrik, die kriegerisch und politisch wurde und doch nicht aufhörte, Poesie zu sein. Und die Lieder, die entsprangen, blieben nicht zwischen dem Papier liegen; sie wurden in sangbaren Weisen beflügelt. Und wie sie von Mund zu Mund flogen, weilten sie nicht allein bei den Soldaten am Wachtfeuer, schwebten sie nicht nur um die Feldzeichen der Angriffskolonnen – sie lagerten sich in alle Herzen ein, sie wurden Volkslieder und blieben es bis heute.

Der Geist des Jahres 1870 konnte keine Epen, keine Dramen, keine Romane dichten, die Volksgut oder selbst nur ein Schatz von Zitatenwahrheit geworden wären. Auch die Lyrik blieb weit hinter der Freiheitsdichtung zurück. Diese stürmte im Jünglingsschwung daher auf Versen, die wie Schlachtrosse stampften; und jene war das Verstandesprodukt alternder Männer, die in Strophen sprachen. Es fehlte im Jahre 1870 auch der Urgrund, den die Dichter des Jahres 1813 hatten, die große Not. Nach dem ersten Ausbruch des Unwillens und des gerechten Zornes gegen die Friedensstörer setzte fast ohne Vermittlung jauchzend die Freude und immer wieder die Freude über die schnellen Siege ein. Kein Zweifeln und Verzweifeln, kein Harren und Hoffen, keine Spannung mit ihren vertiefenden Wirkungen unterbrach die Stimmung des Triumphzuges. Als deklamatorische Literatur behaupteten sich einige Gedichte; die paar Töne, die lebendig durch Volk und Heer zogen, hatten Spott und Humor angeschlagen. Das Lied vom König Wilhelm, der ganz heiter zu Ems saß, und das andere von Napolium, der im Busch herumkraucht, diese allein wurden auf allen Gassen und in jeder Kompagnie gesungen und weitergesungen.

Schneckenburgers „Wacht am Rhein“ und Hoffmann von Fallersleben „Deutschland über alles“ waren beide schon dreißig Jahre alt, als sie der Krieg aus ihrer Erstarrung riß. Dann aber sind sie der Sang der Deutschen geworden, die ungesuchte Ausdrucksform der nationalen Begeisterung, unabhängig von allen Strömungen der Begebenheiten – unsere Nationallieder schlechthin. (…)

In Friedenszeiten sind Epos und Drama und Roman gewiß die stärksten Ausrirucksmittel des Dichters, im Kriege gilt die Lyrik mehr. Behend wie die Bleistiftzeichnung des Malers, offen wirksam und kühn wie die Skizze, läuft sie neben den Ereignissen her, holt sie ein, hält sie fest, fügt sich der Stimmung und weiß sie auch zu führen. Ernstliche lyrische Kriegsdichter werden unwillkürlich an einem großen Maßstabe gemessen. Immer steht Theodor Körner hinter ihnen. Den haben in gnädiger Stunde die Götter unserer Jugend geschenkt. Denn er war selbst der rechte Jüngling, voll Himmelsblau und Wetterschein, mit Schwert und Fiedel wie Volker von Alzey und Walther von der Vogelweide. Das Schicksal schenkte ihm die Köstlichkeit, daß er die Gesinnung seiner Lieder mit dem Blute besiegeln durfte; es riß ihn in frischer Lenzluft zum schnellen Reitertode wie Max Piccolomini.

Ethos und Pathos rannen ihm ohne Gewaltsamkeit ineinander. Wenn er im Sattel saß, wenn er am Wachtfeuer lag, kamen die Verse melodienhaft über ihn. In seiner Seele schwang die zarte Stimmung des Bräutigams, der das Schwert zur Braut erkor, der heilige Wahn des Eiferers, die Andacht des Entzückten, die Todesahnung der Geweihten. Seine Rhythmen konnten daherfahren wie rasselnde Geschwader, aber sie konnten sich auch auf die Knie werfen und sich demütigen im Gebet. Als seine Kameraden ihm das Soldatengrab gegraben hatten, sangen sie sein Lied „Hör uns, Allmächtiger!“; als sie von dannen zogen, erbrauste sein Sang von „Lützows wilder, verwegener Jagd.“ Gibt es ein seligeres Dichterlos?

In den ersten Augusttagen (1914) liefen bei einer einzigen Berliner Zeitung jeden Morgen fünfhundert Gedichte ein; die tägliche Versproduktion muß damals in Deutschland mindestens die Zahl 50 000 erreicht haben. Es war eine Massenmobilmachung der Reimpaare. Auch im Jahre 1870 erlebten die Tageblattleser solche Fruchtbarkeit. Julius Sturm schrieb damals: „Ganz Deutschland zählt kaum so viele Bajonette in diesem Krieg als Kampf- und Siegeslieder, und jeder neue Tag bringt neue wieder, und immer länger wird die lange Kette.“ (…)

Klingt unter den tausend Wortern ein gutes Wort, das unter den Tausenden von Lesern nur einen ergreift, ist es doch nicht vergebens gesungen. Berufene und Unberufene hat Ludwig Uhland zum Wettgesang in den deutschen Dichterwald geladen. An den Eisenbahnwagen, die, mit Blumengewinden fröhlich geputzt, die singenden Soldaten nach der Grenze trugen, stand der erste schlagende Reim; er blieb auch der beste: „Jeder Schuß ein Ruß“, „Jeder Stoß ein Franzos“ Mit den neuen Feinden kamen neue Reime hinzu: „Jeder Tritt ein Brit“, „Jeder Klaps ein Japs.“ „Auch in Serbien soll´n sie sterben,  uns in Belgien nicht behell´gen; und über die Montenegriner lachen die Hühner“.

Dann sah man in Kreideschrift: „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd – in Rußland ist es umgekehrt“ … „Russische Eier, französischer Sekt, deutsche Hiebe – ei, wie das schmeckt“. Auch wie im alten Kinderlied klang es: „Zeppelin flieg! Hilf uns im Krieg! Fliege nach Engeland, Engeland wird abgebrannt, Zeppelin flieg“!“ Und in einer Mainzer Wachtstube entsprang ein Lied „0 Nikolaus, o Nikolaus mit der Schlußstrophe:

„Und wenn die Welt voll Feinde wär
und keinem wär zu trauen
fürchten wir uns dennoch nicht
wir halten´s, wie der Kaiser spricht
Wir werden sie, wir werden sie
wir werden sie verhauen.“

(…) Unter den Glockenklängen der Kirchen und Dome hoben sich Klarheit und Entschluß, das war die Erlösung. Aus der männlichen Kraft wuchs die Haltung und mit ihr stand ohne Ruhmredigkeit der eisenfeste Glaube an den Sieg. Richard Dehmel gab seine Kriegsgedichte unter dem Namen „Volkesstimme Gottesstimme“ als Flugblatt heraus. „Lied an alle“ nennt er diese Verse: „Sei gesegnet, ernste Stunde die uns endlich stählern eint“ (…) Der deutsche Soldat mag mit dem Gelüst der Rache seinen Tornister aufschnallen; blindwütige Flüche kann er dann hervorstoßen – im Kampfe fällt das alles von ihm ab. Da wirbt allein die frische Tatenlust der Kraft um seine Seele. Und auch das Pathos der Sänger muß hier im Pulverdampf verwehen, damit das ungezierte Wort feldmarschmäßig komme.

Die ersten Streitlieder weideten sich in hanebüchener Sprechart und hausknechtsmäßigen Gebärden; sie täuschten sich, wenn sie darin die Volksart suchten. Und sie sind auch bald verhallt. Dann fanden sie den rechten Ton. Da stimmte Dehmel sein Fahnenlied an: „Es zieht eine Fahne vor uns her“ (…)
Die derbsprachige Verachtung des Gegners ist immer Kinderart und Soldatenart gewesen. Die Kriegsdichtung braucht sich auch ihrer nicht zu schämen; auch die Helden Homers entluden ihr Herz in Schimpfworten, ehe sie den Schild aufnahmen.

So stimmte Franz Adam Beyerlein ein sieghaftes Soldatenlied an: „Der Franzmann reißt das Maul weit auf“ Das Lied zieht den Refrain zur Wirkung herbei, die Weisen, die im Chor gesungen werden sollen, lieben ihn; er holt die Runde zur Gemeinschaft zusammen. (…) Und dann wurde vor allen anderen Kämpfen im Westen und Osten der Russenfang Hindenburgs in den Masurischen Seen ein so handgreiflicher, wie auf einem bunten Kinderbilderbogen verständlich gemalter Vorgang rascher, gründlicher Vergeltung, daß man ihn wie einst den Sieg des Alten Fritz bei Roßbach mit wonnigem Behagen genoß, und daß der Generaloberst ein derber Held wurde, von dem man singen und sagen mußte. A. de Nora stimmt an: „Wer hat den Feind geschlagen mit wohl gezieltem Hieb„?

Die Kriegsdichtung läuft in Stimmungsbilder aus. Das Gefühlsmäßige will überwiegen. Und das ist kein Widerspruch, sondern die rechte Ergänzung des Streithaften im deutschen Rätselgemüt. Eine leise Saite des Volksliedes tönt dann mit. Aus der Ferne kommt das alte Landknechtslied: „Kein sel´ger Tod ist in der Welt als wer vorm Feind erschlagen“ Oder Hauffs „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod,“ oder auch das jetzt über die Maßen beliebte: „…In der Heimat, in der Heimat, da gibt´s ein Wiedersehn.“

von: Professor Borkowsky , 1860 geborener Leipziger Kulturhistoriker, der hier der  „heiligen Schwertbegeisterung“ in der Geschichte nachgeht. in: Unser heiliger Krieg , Weimar 1914 , S. 135ff

 

 

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