Kriegszeit – harte Zeit (1913)

Kriegserziehung im Kaiserreich | | 2009
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eine Liedgeschichte

„Ja, ja, nur Geduld!“ Schon vor ein paar Wochen hatten wir uns vorgenommen, mal eine Gruppe von Liedern in Form eines Konzerts zu wiederholen Da nun schon mehr als ein Vierteljahr vergangen war, seitdem wir uns gegenseitig das letzte kleine Konzert gegeben hatten, so wurde es höchste Zeit, daß wir endlich einmal mit den Vorarbeiten zu einem neuen begannen. Es handelte sich diesmal um die Kriegslieder, die wir im Laufe des letzten Jahres kennen gelernt hatten. Die Jungen selbst hatten sich das Thema ausgesucht, hatten sich des längeren über eine passende Benennung gestritten, waren dann aber schließlich, als nichts vor ihrer Kritik bestand, auf meinen Vorschlag eingegangen und hatten dem Ganzen den Namen „Kriegszeit – harte Zeit!“ gegeben.

Dann gings an die Vorbereitungen. Zuerst wählte die Klasse Gerhardt, Hans und Adolf, die sollten das Programm zusammenstellen. Die drei versäumten dann aber, an einem Nachmittag zusammenzukommen, und so konnten sie zum Verdruß der übrigen in der nächsten Stunde nur eine ungeordnete Zusammenstellung von sechs Liedern vorlegen, die sie in der Frühstückspause vorher schnell zusammengerakt hatten. So mußten wir nun gemeinsam  darangehen und die Lieder ordnen. „Was soll das erste sein?“ „Erst kommt „Morgenrot, Morgenrot“, sagt Willy,“das ist, wie sie ausziehen, und dann denken sie daran, daß sie alle sterben können.“ „Dann kommt  „Ich hatt´ einen Kameraden“,  fährt Ritschy fort, „das ist nach der Schlacht, wenn der eine seinen Kameraden verloren hat.“ Und dann – da sitzen wir fest. „Das muß eine richtige Geschichte werden,“ meint Willy zögernd. „Ja, der Meinung sind wir alle; aber wie soll es nun weitergehn?“ „Ach was,“ ruft Adolf energisch, „nach der Schlacht kommen sie nach Straßburg und müssen da auf den Wall aufpassen, wenn der Feind kommt.“ „Also welches Lied käme demnach jetzt?“ „Zu Straßburg auf der Schanz“, da hat der eine Heimweh gekriegt, und danach singen wir „Es geht bei gedämpfter Trommel Klang“; dann wird er erschossen.“ „Und dann ziehen, die anderen wieder in ihre Heimat zurück,“ fährt Hans fort, „und singen immer „0 Straßburg, o Straßburg“.

Das haben sie sich unterwegs gelernt. Und wenn sie ihre schlechten, zerrissenen Kleider ansehen, singen sie „Schier dreißig Jahre bist du alt“.“ „Na, ja, da hätten wir also schon eine ganze Geschichte fertig.“ Ich komme gleich  bei und schreibe das Programm fix und fertig an die Wandtafel:

Kriegszeit harte Zeit

1. Morgenrot, Morgenrot
2. Ich hatt einen Kameraden
3. Zu Straßburg auf der Schanz
4. Es geht bei gedämpfter Trommel Klang
5. 0 Straßburg, o Straßburg
6. Schier dreißig Jahre bist du alt

Während ich die einzelnen Lieder in dieser Reihenfolge anschreibe, wird mir jedesmal zugerufen, auf welcher Seite das Lied steht, was ich gehorsamst vermerke, damit wir nachher nicht so lange herumzublättern und zu suchen brauchen. Nachdem wir damit fertig sind, schlägt Heinrich vor: „Die ersten beiden Lieder muß einer allein singen.“

Schön, wir wählen also gleich für jedes der beiden Lieder einen Sänger, der es sich im Hause noch einmal recht durchüben soll. „Das dritte und vierte muß auch einer allein singen.“ „Das vierte nicht, das singen wir alle.“ „Nicht wahr“ Das muß einer singen.“ … Schließlich mische ich mich dazwischen: „Warum soll denn das vierte einer allein singen?“ „Weil das doch sein bester Freund singt, der mit ihm ausgezogen ist.“ „Da hast du recht; zum Schluß heißt es doch: „Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz“, nicht wahr?“ Da gibt sich die Gegenpartei zufrieden. „Aber „0 Straßburg“ singen wir alle.“ „Gewiß, das ist ja ihr gemeinsames Marschlied auf dem Heimweg.“ „Darf ich dann zum Schluß „Schier dreißig Jahre bist du alt“ singen?“ „Gern, Adolf, wenn die übrigen damit einverstanden sind.“ Da man Adolf seiner schönen Stimme wegen gern singen hört, sind natürlich alle einverstanden.

Nachdem wir so auch die Sänger bestimmt haben, taucht noch die Frage auf, wie die einzelnen Lieder zu begleiten seien. Es stehen uns drei Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder werden die Lieder zweistimmig ohne Begleitung gesungen oder aber einstimmig und mit Geigen- oder Harmoniumbegleitung. Auch hierüber entspinnt sich wieder eine kleine Debatte, in der die verschiedenen Geschmacksrichtungen einander mit Grund und Gegengrund gegenüberstehen. „Beim ersten Lied, „Morgenrot“, müssen Sie auf der Geige mitspielen.“ Findest du, Hermann?“ „Nein, das muß mit Harmonium gesungen werden,“ fällt Hans ein. „Warum denn?“ „Weil das viel weicher ist. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist alles noch so still.“ „Das Harmonium klingt viel feierlicher als die Geige,“ fügt Herbert noch hinzu. „Ist es denn morgens in der Frühe so feierlich draußen?“ „Ja, das ist so still, daß man gar nichts sagen mag – „Bei „Ich hatt` einen Kameraden“ müßte eigentlich einer die zweite Stimme sinqen, und dann die Geige auch noch.“ Das findet Beifall.

Wir wählen Heinrich für die zweite Stimme aus. So geht es weiter, bis für jedes Lied die passende Begleitung gefunden ist. Manche musikalischen Werte der einzelnen Weisen werden dabei wieder als solche in die Erinnerung zurückgerufen, und manche Wendung wird zur Erläuterung kurz noch einmal im Gesang skizziert. Als das alles erledigt ist und ich schon in unserem vorhin fallen gelassenen Thema fortfahren will, meldet sich Hans nochmals zum Wort und erklärt uns: „Nun fehlt ja aber noch einer, der die ganze Geschichte zwischendurch erzählt.“ Wir stutzten. Erzählt? Das haben wir noch gar nicht gemacht. Doch die Jungen finden sich schneller mit dem Gedanken ab. „O ja, man zu!“ werde ich von mehreren Seiten gebeten. Auch wird mir Hans selbst schon als Erzähler vorgeschlagen. Nachdem Einigung erzielt ist, wird ihm die Aufgabe zuerteilt, sich zur nächsten Stunde eine schöne passende Geschichte auszudenken. –

Die nächste Stunde. Alles sitzt erwartungsvoll, wie ich hereinkomme. Die Wandtafel mit dem Programm ist schon aufgestellt. Wir überzeugen uns, daß keiner von den Vorsängern fehlt und dann beginnt das Konzert. Hans tritt ans Fenster und erzählt. Er erzählt von zwei Freunden „aus einem Dorfe der Schweiz“, in dem „Mobilmachung angekündigt war“, dem Sohn des Großbauern und dem Amtmannssohn. Zuerst klingen die Sätze noch ganz nach einer auswendig gelernten schriftlichen Arbeit in bombastischem Stil. Dann aber, als das Gedächtnis für die Form erlahmt und er sich mehr und mehr in seine Geschichte vertieft, werden die Sätze einfacher, kindlicher, und zugleich gewinnt die Darstellung an Bildhaftigkeit, so daß ihm nun alle aufmerksam zuhören. Jedesmal, wenn ein Lied gesungen werden soll, erhebt sich der Sänger – noch unter dem Eindruck der Erzählung – vorsichtig und leise, flüstert, wenn er noch etwas zu bemerken hat, und beginnt dann seine Weise, die allen im Rahmen der Erzählung nochmal so schön vorkommt.

Der Ernst der Situation, der sich in allen Gesichtern wiederspiegelt, malt sich auch in der Feierlichkeit und der Ausdrucksfülle bei den gemeinsamen Liede „0 Straßburg, o Straßburg“ das von den Jungen diesmal viel tiefer empfunden und darum auch viel herzlicher und wirkungsvoller gesungen wird als je zuvor. In schöner, ernster Feier singen wir unsere sechs Lieder, die durch den verbindenden Text zur Einheit werden, zu Ende. Beim letzten „Schier dreißig Jahre bist du alt“, stimmen wir ungewollt in Adolfs Sologesang mit ein und singen es gemeinsam bis zum Schluß Am Ende der Stunde beim Hinausgehen kommt Willy auf mich zu: „Nächstes Mai müssen Sie aber auch wieder ein paar Lieder dazu singen wie neulich.“ „Gewiß gern, Willy; aber sieh, heute hätte das doch gar nicht hineingepaßt in unsere Geschichte. Dies war doch nett so.“ „0 ja, fein war das.“

Fritz Jöde , in: Monatsschrift für Schulgesang , 8. Jg. 1913/1914, S. 207-210

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