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SPD in der Bremer Bürgerschaft

Antrag, betreffend die Schulfeiern am Sedantage und zum Geburtstag des Kaisers

Der Abgeordnete Henke begründet den folgenden Antrag der SPD: Die Bürgerschaft ersucht den Senat, die Schuldeputation anzuweisen, die Schulfeiern am Sedantage und zu Kaisersgeburtstag aus dem Lehrplan der Schulen zu streichen. Herr Henke:“… Was uns in der Hauptsache veranlaßte diesen Antrag zu stellen, ist die Art und Weise, wie die patriotischen Gedenkfeiern in der Schule begangen werden. Es ist unsere Pflicht, auf die Beseitigung solcher Gedenkfeiern, die nicht unserer Weltanschauung entsprechen, zu bestehen.

Es ist heute gar nichts dagegen angeführt worden daß wir es als unsere Pflicht ansehen, daß den Kindern in der Schule nichts gelehrt wird, was mit der Weltanschauung der Eltern nicht im Einklang steht. Das trifft auch zu auf den Patriotismus und die Vaterlandsliebe. Herr Senator Buff sagte bei der jüngsten Verhandlung des Disziplinargerichts, daß die patriotischen Gedenkfeiern auf Wunsch der Bürgerschaft und des Senats eingesetzt seien, um die Kinder patriotisch und vaterländisch zu erziehen. Ober diese Begriffe denkt nicht nur die Sozialdemokratie anders wie Sie, sondern darüber gehen in Ihren eigenen Reihen die Meinungen sehr weit auseinander. Wir sind in der Lage, die besten Geister, die auf Ihrer Seite stehen, für uns anzuführen. Was in den Schulen als Vaterlandsliebe ausgegeben wird, kann es ja sein; aber wenn es in dem Geiste mitgeteilt wird, wie es in den öffentlichen sogenannten patriotischen Gedenkfeiern zum Ausdruck kommt, dann hat es mit Vaterlandsliebe nichts gemein.

Den bürgerlichen Patriotismus und die bürgerliche Vaterlandsliebe kennen wir. Sie entspringen aus den Profitinteressen. Die bürgerlichen Kreise haben ein Privatinteresse, das sie antreibt patriotisch zu sein. Der bürgerliche Patriotismus ist auch zur Quelle des Militarismus geworden. Ich bin nicht der Meinung,daß Sie mir zustimmen werden (Nein!), das eine können Sie aber nicht bestreiten, daß Tolstoi und eine Reihe anderer Gelehrter nicht für solche Schulfeiern sein würden, eben deshalb nicht, weil sie einen ändern Begriff vom Patriotismus haben, als er im allgemeinen im Bürgertum im Gebrauch ist. Dieser Patriotismus entstammt den Profitinteressen, dafür könnte ich eine Reihe Beispiele anführen. Wenn Sie bedenken, was große.Firmen, was große Kapitalisten sich in der Hinsicht geleistet haben, man hat das mit dem Ausdruck Prozentpatriotismus bezeichnet, dann beweist das die Richtigkeit dessen, was ich gesagt habe. Ich könnte Ihnen Beispiele liefern, daß das Interesse an dem Ausbau des Militarismus und das Interesse an den Kriegen und von der Verelendung der Arbeiter – nicht nur der relativen, sondern auch der absoluten – konform geht mit dem Patriotismus der bürgerlichen Kreise.

Wer das nicht begreift oder das nicht anerkennt, wird sich allerdings mit uns auseinanderzusetzen haben. Darum kommen Sie nicht herum. Wenn die Sozialdemokraten in einer Stadt wie Bremen in einer Zahl vertreten sind, wie es tatsächlich der Fall, dann können Sie deren Forderungen zur Erziehung der Kinder nicht unberücksichtigt lassen.

Es ist vor 50 Jahren darüber gestritten worden, wem die Kinder gehören, der Schule oder den Eltern. Damals ist von Ihrer Seite mit guten Gründen gesagt worden, daß die Kinder den Eltern gehören. Liberale und demokratische Anschauung ist es immer gewesen, daß die Eltern darüber zu bestimmen, zu wachen und zu beschließen haben, wie der Schulunterricht sein soll. Wenn Sie das vergessen haben oder nicht kennen, oder nicht beachten wollen, dann ist es nicht unsere Schuld. …. Wir haben nichts dagegen, wenn man Vaterlandsliebe hegt und pflegt. Wir haben nichts dagegen, wenn man bei den Kindern pflegt, was man bei uns Sozialdemokraten so nennt.

Unser Begriff von Patriotismus schließt ein den Begriff der internationalen Solidarität. Der Begriff des bürgerlichen Patriotismus schließt diesen Begriff aus. Darum müssen wir von bürgerlicher Seite so oft den Vorwurf einstecken, wie seien Leute ohne Vaterlandsliebe, Leute, die überhaupt kein Vaterland anerkennen, man sagt, wir seien antinational. Man hat uns sogar vaterlandslose Gesellen genannt. Das sind wir nicht. Die Leute, die uns so nennen, haben nicht genügend gelernt oder sind falsch informiert. Das nehmen wir ihnen nicht übel. Wir haben unser Vaterland genau so lieb, wie irgend einer, der in Deutschland geboren ist, aber wir haben einen anderen Begriff davon, wie man Vaterlandsliebe pflegt.

So wie man in den Schulen über den Krieg spricht, kann man keine Vaterlandsliebe erwecken. Wenn man die Sedanfeier begeht oder von den Schlachten 1870/71 erzählt, von Sedan und der Gefangennahme Napoleons erzählt, und – wie ein Lehrer es kürzlich bei dem Besuche des Kaisers in Bremen getan hat – falsches erzählt von der Sozialdemokratie und vom Kriege, dann bin ich der Meinung, daß das nicht die Weckung der Vaterlandsliebe bedeutet, sondern daß das schädlich ist und ausgemerzt werden müßte. Wenn die Sedanfeier beibehalten werden soll, dann haben Sie einen Gewaltstreich verübt. Das können Sie nicht bestreiten; Sie haben dann Mißbrauch mit Ihrer Macht geübt gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Es ist ein Gewaltstreich, anders kann man es nicht nennen. Diese Sedanfeier, die wie vor 20 Jahren in der Bürgerschaft betont wurde, nicht mehr am Platze ist, muß endlich fallen. Haben die Franzosen sich nicht genauso brav gehalten wie wir? Haben sie nicht ebenso tapfer gefochten? Haben Sie nicht zu demselben Gotte gebetet? Der Gott hat sie verlieren und uns den Sieg gewinnen lassen, weil bei uns die besten Feldherren  waren. Im Jahre 1806 war es ja woh umgekehrt. (Zuruf von Herrn Stichnath) Warten Sie nur, Herr Stichnath, in Ihren schwarzen Kopf will das noch nicht hinein, aber es kommt noch. Die Sedanfeier ist eigentlich längst nicht mehr am Platze.

Ich bin der Meinung, daß eine derartige Feier für die andere Nation immer eine Beleidigung darstellt. Wir sollten eine solch blutige Verherlichung dessen, was 1870 geschehen ist, beiseite lassen.  Wir können den Kindern dadurch Vaterlandsliebe beiibnngen, daß man ihnen von unseren großen Dichtern und Denkern erzählt, daß man erzählt von der Entwicklung der deutschen Arbeit. (Zuruf von Herrn Leymann: Bebel!) Man kann ihnen auch erzählen vom Handel und von den deutschen Kaufleuten, wenn es nur richtig gesagt wird. (Heiterkeit) Was die deutsche Arbeit geleistet hat, ist mehr dazu  geeignet, Vaterlandsliebe zu erwecken, als die Methode, die Franzosen herunter zu machen. …

Bei der Sedanfeier werden die Lehrer zum Reden gezwungen, aus solchen Reden wird immer etwas, was den Kindern schädlich sein muß. Wir wollen die Beseitigung des Zwanges, der auf dem Lehrer lastet. Ein Lehrer, der Tolstoi, Liliencron und andere Autoren gelesen hat, mag das nicht mehr mitmachen, er möchte von dem Zwang befreit sein. Lehrer, die sich über alle diese Dinge nicht beklagen, die dem Zwang willenlos folgen, sind nicht allemal tüchtige Lehrer, sondern elende Streber. Darum sind solche Feiern gerade gefährlich, weil dadurch das Strebertum großgezogen wird, und derjenige, der am meisten nach oben schielt, hat am meisten Hoffnung, selbst wenn er sonst nachlässig ist oder in der Schule nichts leistet, vorwärts zu kommen. Solchen Strebereien sollten wir ein Ende machen, und darum bitte ich Sie, meinen Antrag anzunehmen.

(Der folgende Redner der bürgerlichen Mehrheit, Kunoth, lehnt auch ab, den Sedantag als „Blutfest“ und hurrapatriotisch zu feiern. Er fordert aber, „daß die Pflege der vaterländischen Gesinnung nicht aus der Schule verschwinden darf.“ S. 182. Sie gehört zum „unveräußerlichen eisernen pädagogischen Bestand.“ Kunoth: „Erst die Gründung des neuen Deutschen Reichs hat das Deutschtum zu seiner vollen Bedeutung gebracht und ihm unter dem Schutz der Reichsflagge den Weltmarkt voll erobert und erhalten.“ (S. 183). Statt des Antrages Henke wird der Antrag Kunoth angenommen. Er lautet: Die Bürgerschaft lehnt den Antrag Henke und Genossen ab und bringt dabei zum Ausdruck daß sie die Förderung nationaler Gesinnung der Jugend durch die Feier vaterländischer Festtage für eine unerläßliche Aufgabe der Schule hält.

Mit der Kaisergeburtstagsfeier liegt die Sache ähnlich. Wir sind als Sozialdemokraten Republikaner, und haben daraus niemals ein Hehl gemacht. wir in Bremen leben ja auch in einer Republik. Wir geben uns ja durchaus keinen Illusionen hin über die Bedeutung der Republik Bremen, wir wissen, was sie zu sagen hat. Wir wissen auch, wie es mit der Republik Frankreich und mit anderen Republiken bestellt ist.

Was wir unter Republik verstehen, ist in all diesen Republiken nicht zu finden. Natürlich ist unsere Auffassung von einer Republik eine andere als sie unter den heutigen Republikanern anzutreffen ist. Aber wie verträgt sich mit irgend einer Republik die Verherrlichung einer Person, sei es der Person des Kaisers oder eines ändern Fürsten, der Verherrlichung einer einzelnen Person? Denn darauf läuft es doch hinaus bei der Kaisergeburtstagsfeier in Schulen, sie läuft auf eine Verherrlichung einer Person, auf Byzantinismus hinaus. Wenn man weiß, wie die Lehrer im Seminar gebildet werden, wie ihnen da in verhältnismäßig dürftiger Weise vaterländische Gesinnung beigebracht wird, wie dann vielleicht in der Kaserne das Dienstjahr nachhilft, wie dann der § 25 des Beamtengesetzes ihnen die „Pflicht“ zum Bewußtsein bringt, dann versteht man, daß die Feier von Kaisers Geburtstag in den Schulen nichts anderes ist in ihrem Effekt, als daß Byzantinismus getrieben wird, ein Schwelgen in Byzantinismus.

Wir sind der Meinung, daß das einer Republik vollkommen unwürdig ist und daß damit dem Kaiser oder dem Gedanken des Kaisertums auch nichts genützt wird. Wenn wir bedenken, daß das Kaisertum herausgewachsen ist aus den Verhältnissen der historischen Entwicklung, so bedarf es dieser Stütze nicht, sofern es mit diesen Verhältnissen noch in Einklang steht; da bedarf auch der Kaiser der Verherrlichung von den Schulkindern nicht. Der Gedanke des Kaisertums ist nach unserer Auffassung allerdings überholt, und wenn er heute noch aufrecht erhalten wird, so ist das aus ganz naheliegenden Gründen zu erklären. Es handelt sich dabei nur um einen Prozentpatriotismus. Das Bürgertum, das   liberale  Bürgertum ist durchaus nicht mehr auf der Höhe des bürgerlichen Patriotismus, wenn es Liebe heuchelt bei der Kaisergeburtstagsfeier. Deshalb sind wir der Meinung, daß man endlich der Kaisergeburtstagsfeier in den Volksschulen ein Ende machen sollte. Das sollte schon darum geschehen, um nicht die Kinder in einen Widerspruch zum Elternhause zu bringen.

Wenn da ein Kind aus der Schule nach Hause kommt und fragt: Unser Lehrer hat uns da vom Kaiser so nette Geschichten erzählt, daß er in Musik, Malerei, im Predigen und als Soldat so viel leiste, daß er so genial ist in allen Dingen, ist denn alles so, wie der Lehrer erzählt hat? Dann sagt der Vater des Kindes, wenn er ein Sozialdemokrat ist: Der Kaiser ist ein Mensch wie andere Menschen auch, und was da von ihm erzählt wird, ist Byzantinismus, übertriebene Verherrlichung eines Menschen. Und vielleicht sagt der Vater dann noch: Früher war es schlimm. Im alten Rom verehrte man den Kaiser sogar im Bilde und verlangte von jedem Soldaten, daß er ihn anbetete, und wenn der Soldat das nicht tat, wurde er hingerichtet. Manches ist jetzt anders geworden infolge der Aufklärung. Wir sind bemüht, unsere Kinder aufzuklären. Was in der Schule geleistet wird, steht im ärgsten Widerspruch mit unserer Auffassung. Sie können nicht bestreiten, daß wir ein Recht zu unserer Weltanschauung haben. Mögen Sie sie belächeln, bekämpfen, so ist das Ihr gutes Recht, wenn Sie unsere Weltanschauung nicht teilen, aber unser gutes Recht ist, daß wir unsere eigene Weltanschauung haben. Dieses Recht auf unsere Weltanschauung müssen Sie anerkennen, wir können verlangen, daß wir in unserer Weltanschauung geschützt werden.

Herr Dr. Spitta hat vorhin auf Rechte und Gesetze hingewiesen. Es gibt aber manche Rechte, die gar nicht geschrieben sind und doch Anwendung finden. Zu diesen Rechten gehört auch, daß wir mitzureden haben über das, was in unserer Schule geschieht. Es gibt andere Rechte, die uns in der Verfassung gewährleistet sind, die aber nicht immer innegehalten werden. Es wird oft darüber hinausgegangen durch Verordnungen für Beamte in der Schule oder sonst. Wir sind der Meinung, daß die patriotischen Feste, wie sie jetzt in den Schulen gefeiert werden, aufhören müssen. Vor 20 Jahren ist auch aus bürgerlichen Kreisen dagegen Front gemacht und sind diese Feiern als Spielerei bezeichnet. Damals war es Professor Bulle, der solche Feiern bekämpft hat, besonders die Art der Feier des Sedanfestes, wo die Kinder mit den Kriegervereinen durch die Straßen marschierten und am Kriegerdenkmal Kriegervereinsreden hören mußten. Professor Bulle ist damals mit seiner Ansicht nicht durchgedrungen. Sozialdemokrat war er nicht, er war ein Freisinniger. Aber diese freisinnigen Anschauungen von damals scheinen aus den Schulen Bremens jetzt ausgeschlossen zu sein, und ich glaube auch, daß sich solcher Freisinn heute noch in der Bürgerschaft bemerkbar machen wird, daß heute von Ihrer Seite noch gefordert werden wird, was wir heute fordern auf Grund unserer Weltanschauung. …

Was für eine Kost ist es denn, die unsern Kindern in den bremischen Volksschulen verabreicht wird, samt und sonders in allen Schulen? Ich frage: ist das denn Patriotismus, wenn an Kaisers Geburtstag die Fahnen ausgesteckt werden und dem Kaiser eine besondere Hochachtung dargebracht wird? Das können wir beim besten Willen nicht als Patriotismus auffassen. Neulich wurde in einem Artikel einer hiesigen Tageszeitung, als der Kaiser die Aktiengesellschaft Weser besuchte, gesagt, daß sei für die Arbeiter sehr vorteilhaft, da die Werft von dem Besuch sehr viele Vorteile haben könne. Und wenn der Kaiser sonst nach Bremen kommt, sei es zum Besuch des Norddeutschen Lloyd oder des Ratskellers, wo er mit Kaufleuten zusammenkommt, so wird das den Handel fördern oder der Kolonialpolitik dienlich sein usw. Man hofft die Beziehungen zur Werft und der Besuch könne vielleicht zur Folge haben, daß noch mehr Kriegsschiffe auf der Werft gebaut werden, und auf diese und ähnliche Weise werde die bremische Arbeit, der bremische Handel befruchtet, und dafür müsse man doch dem Kaiser dankbar sein. Das ist doch eine sehr merkwürdige Auffassung von den liberalen Herren!

Soviel ich weiß, hat in Deutschland nicht der Kaiser den Bau von Kriegsschiffen zu bewilligen, sondern der deutsche Reichstag. Sie sind doch auch diejenigen gewesen, die auf dem Standpunkt standen, daß kein persönliches Regiment herrschen dürfe, und im vorvorigen Jahr im November sind es besonders Ihre liberalen Abgeordneten im Reichstage gewesen, die gegen das persönliche Regiment mit außerordentlicher Schärfe zu Felde gezogen sind. Wenn man nun prüft und beobachtet, wie da so scharfe Worte fallen und was hernach in diesen Tagen in Bremen gesagt oder geschrieben ist, da sieht man, was aller Welt plausibel ist, was man nämlich von diesem Liberalismus zu halten hat und von der Liebe zum deutschen Kaiser und zum Kaisertum. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich bin kein Feind der Person des Kaisers, er mag ein ganz netter Mensch sein, das glaube ich, ich habe nie Gelegenheit gehabt, mit ihm zu reden. (Heiterkeit) Aber, meine Herren, er mag ein netter Mensch sein, ein geistreicher, talentvoller Mensch, aber dergleichen gibt es anderswo auch. Warum also so viel Aufhebens davon machen? Und, seien Sie doch ehrlich: daß WilhelmII. von Gottes Gnaden König ist, das mag er vielleicht selbst glauben, aber an solche Dinge glaubt doch von Ihnen niemand. (Zuruf.)…

Wohin wir auch unseren Blick lenken, überall zeigt sich der Patriotismus wie er offfiziell in den Schulen gelehrt wird, als ein hohler Patriotismus Das ist ein Begriff, der entstanden ist zu einer Zeit des Siegesrauschgefühls, wo sich das deutsche Volk freute über die großen Siege, die es im Kampfe errungen hatte. Aber darüber ist unser Volk längst hinaus. Es ist darum an der Zeit, daß mit dem hohlen Begriff dieses Patriotismus aufgeräumt wird, es muß tabula rasa damit gemacht werden. Das sollte doch auch den Liberalismus interessieren, wir haben auch keine Feindschaft gegen den deutschen Kaiser, sondern nur gegen die monarchische Institution. Aber wir haben auch keine Feindschaft gegen andere Länder und Nationen. Die Arbeiter aller Länder werden gleich uns ausgebeutet, sie haben alle das Bestreben, den Kapitalismus zu bekämpfen. Wir bekämpfen den bürgerlichen Patriotismus wie den Kapitalismus und wollen ihnen ein Ende machen. Aber das scheint in den Köpfen der bürgerlichen Kreise nicht immer übereinzustimmen. Wenn Sie hören, wie der gutdenkende Tolstoi etwa denkt, so denken wir Sozialdemokraten auch. Sie wissen, wie Frankreich es hat mit sich vereinigen können, dem Zar in Frankreich Gegenliebe zu zollen. Hören Sie, was Tolstoi darüber sagt:

Der Patriotismus ist heute die grausame Tradition einer überlebten Periode, die nicht nur kraft des Beharrungsvermögens besteht, sondern auch, weil die Regierungen und leitenden (herrschenden) Klassen, die sich bewußt sind, daß nicht nur ihre Macht, sondern auch ihre Existenz davon abhängt, sie beharrlich durch List und Gewalt in dem Volke erregen und erhalten. Der Patriotismus gleicht heute einem Gerüste, das einst notwendig war, um die Mauern des Gebäudes zu errichten, und das, obwohl es das einzige Hindernis für die Bewohnbarkeit des Hauses bildet, nichtsdestoweniger beibehalten wird, weil seine Existenz gewissen Personen von Nutzen ist. Die Regierungen machen es wie der Zigeuner, der, nachdem er seinem Pferde etwas Pfeffer unter den Schwanz gesteckt und es im Stalle geschlagen hat, es herausgeführt und sich an die Zügel hängend, stellt, als könne er das feurige Tier nur mühsam bändigen Der Patriotismus in seiner einfachsten, klarsten und unzweifelhaftesten Bedeutung ist nichts anderes als ein Mittel der Herrschenden, ihren Ehrgeiz und ihre Wünsche zu befriedigen, für die Beherrschten bedeutet er die Verzichtleistung auf die menschliche würde, Vernunft, Bewußtsein und die sklavische Unterjochung durch die Machthaber. So ist der Patriotismus überall beschaffen, wo er gepredigt wird. Patriotismus ist Sklaverei. Das sagt wahr, und wenn wir Sozialdemokraten auch nicht so sprechen können, so wissen wir doch, daß wir die Unterjochten sind, was wir uns nicht länger gefallen lassen können. Ich bitte Sie, unsern Antrag anzunehmen.“ (Bravo! bei den Sozialdemokraten).

Verhandlungen der Bremischen Bürgerschaft vom Jahre 1910, Bremen 1910; Sitzung vom 16.3.1910, Nr. 8 der Tagesordnung: Antrag, betreffend die Schulfeiern am Sedantage und zum Geburtstage des Kaisers, S. 178 ff.







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