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Rede für Schüler an Kaisers Geburtstag

Weit draußen vor den großen deutschen Strommündungen liegt in der grünen Nordsee die Insel Helgoland, das Sehnsuchtsziel Tausender, die auf sommerlicher Fahrt die Fluten des deutschen Meeres durchfurchen, um plötzlich das kleine grüne Eiland mit seinen bunten Sandsteinwänden vor sich auftauchen zu sehen. Vor mehr als 50 Jahren saß dort einmal der deutsche Dichter Hoffmann von Fallersleben als Verbannter (Anmerkung: Hoffmann war dort zur Kur und nicht als Verbannter!) und sang seine Helmwehlieder, auch sein berühmtes „Deutschland, Deutschland über alles“, das heute zu des Kaisers Feste aus abertausend Kehlen erklingen wird.

Von der Höhe der damals so stillen Insel, die zur Schande unseres Volkes den Engländern gehörte, sah der um sein Vaterland bekümmerte Mann die buntbewimpelten Schiffe aller seefahrenden Völker auf dem deutschen Meere ziehen; aber es war vergebliche Mühe für ihn, unter ihnen auch ein deutsches Kriegsschiff zu erspähen. Da entrang sich seiner Brust der Seufzer:

„Kriegsschiffe sah ich kommen, gehn
kein deutsches hab‘ ich nie gesehn.“
(Anmerkung: Das ist vermutlich eine Lüge)

Es gab damals wie kein Deutsches Reich so auch keine deutsche Flotte, und unsere Landsleute in der Fremde entbehrten jeden Schutzes durch eine starke Regierung, die wie heute auch damals, wenn nötig, mit der Sprache der Kanonen deutsche Rechte und Ansprüche vertreten hätte. Unser Dichter gehört zu den Glücklichen, die den Lebenstraum ihrer Jugend noch sich erfüllen sahen: er hat als ein Siebzigjähriger das neue Deutsche Reich noch begrüßen und besingen können, er hat die deutschen Farben erglühen, die deutschen Kriegsschiffe ziehen sehen.

Aber nun ist ein junges Geschlecht herangewachsen, das gar nicht recht sich denken kann, daß es einmal anders gewesen ist als heute im großen Deutschen Reiche mit seinem mächtigen Kaiser, seinem starken Heere, seiner schmucken und schlagfertigen Kriegsflotte. Von allen Reichsgedanken wird wohl gerade der Flottengedanke am lebhaftesten, am liebsten von unsrer Jugend gedacht: Nie sind Seemannsgeschichten und Abenteuer auf der Salzflut so beliebt gewesen wie heute, und schon gehört es zu den besonderen Wünschen eines deutschen Knaben, ein Kriegsschiff zu besichtigen, ein
Seemanöver zu sehen. Wir veranstalten Flottenspenden, wir unternehmen „Flottenfahrten“, wir gründen Flottenvereine, um das Interesse für unsere Kriegsmarine bei jung und alt zu heben. Den Sinn aber für alles seeemännische Tun und Wesen, das Verständnis für unsere Aufgaben und Ziele im Verkehr auf dem Weltmeere gefördert zu haben, das ist nicht zum wenigsten das Verdienst unseres Kaisers. Und wenn wir daher heute zu seinem Geburtstage fragen: „Was ist des Kaisers wert an seinein herrlichen Feste?“, so dürfte es eine schickliche Antwort sein, zu sagen:

Wenn wir einen Blick werfen in unsers Volkes Geschichte und zwei goldene Blätter aufschlagen, die von des Reichs Herrlichkeit, Macht und Größe zur See uns Kunde geben. Das eine Blatt zeugt vom Unternehmungsgeist und Wagemut des deutschen Bürgertums, das andre vom weitschauenden Blick und von der Tatkraft eines deutschen Fürsten. Auf dem ersten Blatt steht die Geschichte der   deutschen Hansa, der Kaufleute vornehmlich in den Hafenstädten an der Nord- und Ostsee und der Händler jenseits der Meere in England und Holland, in Dänemark und Skandinavien, in Polen und Rußland, wo sie ihre Waren, die Erzeugnisse des Morgenlandes und des europäischen Südens, die gewerblichen und künstlerischen Erzeugnisse ihrer Heimat feilboten und die Waren der Fremde, Lebens- und Genußmittel, Rohstoffe für die geschickten Hände der Landsleute in der Heimat, einkauften.

Zum Schutze dieses Handels gegen Seeräuber und gegen Gewalttat der benachbarten und der fremden Fürsten schufen sie die erste deutsche Kriegsflotte und schlugen mit ihr die ersten siegreichen Schlachten zur See. Ihr ärgster Widersacher war der Dänenkönig Waldemar II. Ihn besiegten sie wiederholt zu Wasser und zu Lande, entscheidend, als er 1243 vor Lübeck, dem Vorort der Hansa, erschien, um mit seiner Flotte die Stadt auszuhungern. Trotz ihrer Minderzahl warfen sich die Lübecker auf die dänische Flotte im Hafen, und nach einem ruhmreichen Kampfe endete die Schlacht mit einer vollständigen Niederlage der Dänen. Fünf ihrer Schiffe wurden genommen und verbrannt, eine große Zahl in den Grund gebohrt, und nur ein schwacher Rest rettete sich durch klägliche Flucht. Eines der größten Dänenschiffe aber wurde mit 400 gefangenen Kriegern im Siegeszug nach Lübeck geführt.

Der Bund der deutschen Städte erweiterte sich nun von Jahr zu Jahr und zählte um 1300 schon 25 Glieder, die im einträchtigen Kampfe gegen Dänemark immer Sieger blieben. Den Höhepunkt ihrer Macht erlebte die Hansa aber erst, als ihr der gefährlichste Feind in Waldemar IV. von Dänemark erstand. Er verweigerte den deutschen Kaufleuten die Anerkennung ihrer großen Handelsvorrechte in seinem Lande, er legte auf den Heringsfang, den sie dort im Sommer mit 30 – 40 000 Menschen betrieben, hohe Steuern, und darüber kam´s zum Kriege. Diesmal im größten Maßstab und mit Aufgebot aller Kräfte: auf 52 Schiffen zogen gegen 3000 deutsche Krieger aus zum Streite; aber ihre Sorglosigkeit und Siegesgewißheit sollte ihnen verhängnisvoll werden. Waldemars heimlicher Handstreich auf die unbewachte deutsche Flotte gelang, die Hansa erlitt die erste Niederlage seit ihrem Bestehen, und sie war eine vollständige. Nur schwache Trümmer der stolzen deutschen Flotte kehrten nach Lübeck heim. Die unternehmenden Deutschen waren geschlagen, aber nicht entmutigt. Sofort betrieben sie die Vorbereitungen zu einem neuen Kriege, und nach sechs Jahren sandten 27 Städte an Waldemar die Kriegserklärung. Zuerst erobern sie Norwegen, dessen König mit Waldemar verbündet war und nun demütig um Frieden bitten muß; dann wenden sie sich mit gleicher Wucht gegen Waldemars Hauptstadt Kopenhagen. Es wird erobert und der Erde gleichgemacht, die ganze Insel Seeland verwüstet und die dänische Flotte verbrannt. Waldemar muß einsehen, daß Dänemark verloren ist, wenn er nicht das Haupt vor dem stolzen Sieger beugt. Er bittet um Frieden und erhält ihn, aber um welchen Preis!

Der Friede von 1370 sicherte den Deutschen alle ihre Handelsvorteile, ihre Freiheiten und Rechte in Dänemark, und jede Königswahl bedurfte ihrer Zustimmung. Das waren Bedingungen, wie sie nie vor- oder nachher von bürgerlichen Leuten einem Könige vorgeschrieben worden sind. Ein Schatten freilich trübte den Sonnenschein hanseatischen Glücks; der deutsche Kaiser Karl IV. sprach für die größten Erfolge, welche Deutsche jemals zur See errungen hatten, über die Sieger die Reichsacht aus. Die  Hansa aber gewann trotzdem auf 100 Jahre hinaus ein so gewaltiges Ansehen, daß sie die unbestrittene Herrschaft auf den nördlichen Meeren, aber auch südwärts bis zu den mittelländischen Gestaden ausübte. Unter veränderten Zeitverhältnissen ging freilich allmählich ihre Größe zurück, und der große Dreißigjährige Krieg wurde auch ihr Grab.

Aber von dem Hintergrunde dieses düstern Krieges hebt sich leuchtend die Gestalt eines kraftvollen Fürsten ab, der in dem Trümmerfelde des alten Deutschen Reiches den Grundstein legt zu unserm neuen Reichsbau und, gewiß nicht zufällig, auch den Gedanken an Macht und Größe   zur See wieder aufnimmt: die Gestalt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Als Jüngling hatte er längere Zeit in Holland gelebt, das damals ein blühender Handelsstaat war, groß vor allem durch Benutzung der See und des Verkehrs, den sie nach außen hin eröffnete. Für das scharfe, offene Auge des Jünglings eine nicht verlorene Lehre: er hatte erkannt, daß Handel und Schiffahrt auch einem kleinen Staate Macht und Reichtum geben können, wenn er durch eine starke Flotte geschützt wird. In ihr sah er eines der Mittel, seinem Staate, der durch den unseligen Krieg verödet und verarmt war, wieder aufzuhelfen.

Dem Flottengedanken ist er darum treu geblieben, allen Hindernissen und Schwierigkeiten zum Trotz. Ein Holländer schuf ihm eine kleine Kriegsflotte, die schließlich 9 Schiffe mit 194 Kanonen zählte und ihm wertvolle Dienste in seinen Kriegen mit Schweden, Frankreich und Spanien leistete. Den Schweden machte er in der Ostsee zu schaffen, und selbst der französische König Ludwig XIV. begann den kühnen Mann zu fürchten. Wie erstaunte man über den wagemutigen Markgrafen von Brandenburg, dessen Seeleute bis in die südlichen Gewässer Europas vordrangen, spanische Handelsschiffe wegnahmen und sogar die Silberflotten angriffen, von denen die Erze der amerikanischen Bergwerke nach Spanien gebracht wurden!

Da er keinen einzigen wertvollen Hafen an der Ostseeküste besaß, wo Schweden, Dänen und Polen Herren des Meeres waren, schuf er sich in Emden an der Nordsee einen Stützpunkt am offenen Meere, um von hier aus seine Pläne von Seeherrschaft, von Gründung überseeischer Handelsgesellschaften und Erwerbung von Ländereien in der heißen Zone zu verwirklichen. Um Absatzmärkte zu schaffen, wurde von den Dänen ein Stück ihrer Insel St. Thomas pachtweise erworben; wurden Verträge mit den Negerhäuptlingen an der Guineaküste abgeschlossen; wurde eine afrikanische Handelsgesellschaft gegründet, an der er und die Prinzen mit Geldeinlagen beteiligt waren. Um den Handel zu schützen, wurde an der afrikanischen Goldküste eine Niederlassung und die Festung Groß-Friedrichsburg angelegt und am 1. Januar 1683 unter dem Donner der Schiffsgeschütze die brandenburgische Flagge gehißt. Wahrlich ein großer Erfolg bei kleinen Mitteln und widrigen Umständen! Ein Erfolg, der schließlich auch in barem Gelde und Überschüssen statt der früheren Zubußen sich geltend machte. Als Friedrich Wihelm seine Augen schloß, stand er auf der Höhe seiner Bestrebungen. Aber auch in diesem Bilde deutscher Seeherrlichkeit fehlt der dunkle Punkt nicht: Nicht verstanden und unterstützt von dem Kaiser, geradezu bekämpft von den Fürsten und Herren, hatten einst die deutschen Kaufleute allein ihre großen Gedanken in die Wirklichkeit umgesetzt, und der große Kurfürst sah sich vom Neide des Kaisers gehemmt und vom deutschen Bürgertum, in dem der Hansageist erloschen war, verlassen.

Das lenkt unsern Blick von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Die drei Gewaletn des Kaisers, der Fürsten und des Bürgertums, die wir im alten Reiche aus Neid und Eifersucht, Unverstand und Engherzigkeit sich gegenseitig  bekämpfen, das Vaterland zerstückeln und zertrümmern sahen – im neuen Reiche sind sie einmütig, eines Sinnes gerade in dem Gedanken, daß Deutschlands Größe undenkbar ist ohne eine große starke Flotte, ohne Teilnahme am Weltverkehr und Weltbesitz. Diesen Gedanken in der kurzen Formel „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ zum Gemeingut des ganzen deutschen Volkes gemacht zu haben, ist nicht das kleinste Verdienst Kaiser Wilhelms II., und daran erinnern wir uns heute mit ganz besonderer Freude. Möge unserm Kaiser noch manches Jahr glücklicher, erfolgreicher Regierung beschieden sein, zu seinem Ruhme, des Reiches Größe, des Volkes Wohlfahrt und Zufriedenheit! Gott   segne, Gott schütze, Gott erhalte unsern Kaiser!

in: E. Hölzel :  Reden und Ansprachen bei Schulfeierlichkeiten , Leipzig 1911 , S. 26ff . Dr. Hölzel war Schulrat und Direktor des Lehrerseminars zu Frankenberg in Sachsen –







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