Wehrkraft durch Erziehung (1904)

Kriegserziehung im Kaiserreich | | 1904
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Trommeln und Marschieren

Rühret die Trommeln und schwenket die Fahnen
Mit Gesang durch Wald und Feld
(Hoffmann von Fallersleben)
Wohl jeder, der im deutschen Heere gedient hat, wird sich gerne an den erfrischenden, belebenden Zauber der Musik und des Singens errinnern, den er so manchmal an sich empfunden hat, wenn es einer schweren Marschanstrengung entgegenging, oder wenn nach beendigter Übung die ermüdete Truppe auf staubiger Landstraße und in der Mittagshitze noch stundenlang nach der Kaserne oder dem Quartiere zu marschieren hatte. Mit Wohlgefallen blickte der Hauptmann auf seine Kompanie, wenn seine strammsten und lustigsten Leute immer wieder die Kameraden zum Singen anregten, taktfester und lebhafter wurde der Marsch, wenn die Trommler und Pfeifer mit ihren straffen Weisen einsetzten, und besonders groß war die Freude, wenn man zum Spitzenbataillon gehörte und die schmetternden, alle Mattigkeit verscheuchenden Klänge der Regimentsmusik auf sich wirken lassen konnte.
Wenn unsere Truppenführer auch heute noch die Macht der Töne zu schätzen wissen, weil sie über so manche Anstrengungen und im Ernstfalle sogar über die Gedanken an nahenden Schlachtengaraus hinwegzuhelfen vermag, und wenn unsere Heeresleitung trotz aller nüchternen Kritiker nicht daran denkt, die Musikkorps aus der Armee zu entfernen, so wird das, was dem ernsten Krieger willkommen erscheint, auch für unsere Schuljugend nicht ohne wert sein. „Trommeln und Pfeifen, kriegerischer Klang“ haben auf den deutschen Knaben und Jüngling von jeher großen Reiz ausgeübt; bekannt ist, wie Friedrich der Große als kleiner Knabe zu seiner Schwester Wilhelmine, die ihn zu mädchenhaftem Spiele einlud, sagte: „Gut Trommeln ist mir lieber als Blumen und Puppen.“ So denkt unsere männliche Jugend heute noch: daher wird der einsichtige Erzieher auf bedacht sein müssen, diese angeborene Neigung für die Heranbildung wehrhaften Sinnes nutzbar zu machen.

An einer ganzen Reihe von Anstalten bestehen richtige Bläserkorps, so z. B. an den Franckeschen Stiftungen in Halle, besonders aber im Westen des Vaterlandes; von den 51 höheren Schulen der Provinz  Westfalen haben 19 eine richtige „Banda“ mit allen möglichen Blasinstrumenten ausgebildet. Am bekanntesten sind ja die „Kaiserjungen“ zu Eisleben, eine musikalische Schar von Volksschülern, deren Leistungen den höchsten Landesherrn, als sie ihm beim Jagdbesuch ein Ständchen brach ten, so anmuteten, daß er ihnen in kaiserlicher Huld besonders feine Blasinstrumente verlieh, auf die sie nicht wenig stolz sein dürfen; ihr trefflicher Musikdirektor, Herr Lehrer Gottschalk, hat ihre Erfolge auf einer Wanderung in die Städte am Unterharz im Jahrbuche des Zentralausschusses 1902 anziehend geschildert.

Aber so sehr auch dies besonders hervorstechende Beispiel locken mag, die Ausbildung einer solchen Truppe kleiner Musikanten ist bei weitem nicht überall möglich, und dann erscheint es auch fraglich, ob sie sich immer mit rechtem Nutzen durchführen läßt. Diese Ausbildung wird, wenn die Blasleistungen nicht „zum Steinerweichen“ bleiben sollen, recht viel Zeit beanspruchen, schon weil ihr das nötige „ständige Personal“ fehlt. Das Tragen all der Musikinstrumente, besonders der unvermeidlichen qroßen Trommel, hindert außerdem den freien Marsch über Berghalden und Waldpfade und schafft, wenn bei aufgelöster Marschordnung jüngere Schüler zum Schleppen gepreßt werden, allerlei Verdrießlichkeiten, auf die bei der Versammlung des Zentral-Ausschusses zu Köln 1902 mit Recht hingewiesen wurde. Brauchbarkeit bei Turnmärschen ist und bleibt die Grundforderung bei der Schaffung einer solchen Musiktruppe.

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